Festtackern

Es ist 2:22 Uhr. Ich lächle kurz, weil ich mich immer über diese Schnapszahlen freue. Dann wird mir Wein in meinen Plastikbecher gefüllt und ich nippe vorsichtig daran. Auch nach einigen Bieren und zwei Bechern Wein schmecke ich den Unterschied zwischen lieblichen und trockenen. Mein Gesichtsausdruck entgleist mir kurz.

Eine Stunde später kommt der Mitbewohner des Geburtstagskindes zurück in die Wohnung, pfeffert seine Hausschuhe in die Ecke. Aber nicht um zu tanzen, sondern um sich neben mir auf dem Sofa breit zu machen. Ich muss mein Gespräch mit meinem rechten Sitznachbarn unterbrechen. Den, den ich die ganze Zeit meinen Weinbecher an die Lippen halte. Es ist genug Wein in meinem Körper. Er lenkt den Mitbewohner ab, ich schenke unseren Wein in sein Glas.

Irgendwann sind die Erinnerungen nur noch sehr verschwommen. Es ist einfach zu früh am Morgen. Wer was fragt, nehme ich vor Weinmüdigkeit nicht mehr wahr. Der Mitbewohner schenkt uns teuren Rum ein, den richtig guten, bevor er ihn wieder in seinem Zimmer versteckt. Mein rechter Sitznachbar hat plötzlich statt des Bechers ein Glas in der Hand.

Schon nach ein paar Stunden habe ich sie alle gelesen. Sie sind wie offene Bücher. Der gutherzige Mensch auf dem Sofa gegenüber versucht auf Biegen und Brechen ein bisschen Nähe zu bekommen. Der Mitbewohner hat seine Trennung vor zwei Wochen noch nicht verkraftet, überspielt das Ganze aber mit viel Gleichgültigkeit. Die blonde, etwas arrogant wirkende Frau neben ihm ist nur unsicher und versucht ihre Sorgen durch anbaggern des Mitbewohners zu kompensieren. Der Typ neben mir ist angenervt und verletzt, weil seine Freundin nie zu Hause ist. Er greift nach meiner Hand und seine Finger verschränken sich mit meinen.

Mein moralisches Gewissen meldet sich. Statt los zu lassen, drücke ich fester zu. Nur um für den kurzen Moment ein bisschen Halt zu finden. Er erwidert den Druck. Sein hebräisches Tattoo blitzt unter seinem Pullikragen hervor. Die braunen Haare kräuseln sich wie Geschenkband am Mützenrand entlang. Eigentlich würde ich jetzt gerne mein Gesicht gegen seine Brust drücken,  einen fremden Geruch einatmen, aber ich will ihn da nicht mit hineinziehen. Mit kritischem Blick schaue ich ihm lange in die braunen Augen und sehe eigentlich nur blaue. Ich frage mich, welche Augen er gerade sieht. Die eines Mädchens, das gerade irgendwo in Skandinavien reist.

Wir drücken noch ein bisschen fester zu. Wir tackern uns fest.

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Über Sterne stolpern (Dortmund)

Freitag, yay! Was macht man da so im Pott? Eigentlich malochen und dann ins Wochenende starten. Aber, da ich ja schon im Wochenende war, fiel das Malochen einfach weg. Nachdem ich mich eine Stunde mit den Mitbewohnern meines Kumpels unterhalten hatte, fuhren die beiden und überließen mir die Wohnung. In Männer-WGs fühle ich mich wohl, weil man oft so erfinderisch werden muss. Keine Müslischüssel mehr da, weil sich das Geschirr in der Spüle wie bei Tetris stapelt. Also Tasse her und die Cornflakes eben dahinein.

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Männer-WG-Tetris

In fremden Wohnungen am Fenster sitzen und den Rhythmus der Stadt beobachten-wat is dat schön! Einfach mal das riesige Fenster aufgerissen und in der Sonne sitzen, warten bis irgendwas passiert. Die Zeit ist ja da. Im Grunde buchte ich dann schnell mal Plätze für Schwarzlichtminigolf.

Dahin ging es dann also als nächstes. Zu den Glowing Rooms. 9,50€ kostet der Spaß an Eintritt. (Ist es wert!)Nachdem wir dann endlich-nach ¾ Stunde warten-vollzählig waren, ging es los. 3D-Brille aufgesetzt, Schläger in der Hand, Ipod für den Punktestand um den Hals. Let’s go! Ich habe seit Ewigkeiten kein Minigolf mehr gespielt. Aber das war hier auch egal.

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3D-Effekt schlimmer als im echten Leben.

Erst einmal verdattert stehen bleiben. Alles ist so bunt und so.. so.. so 3D! Wo hören denn die Bahnen auf, wo fangen sie an? Alles leuchtete. Die erste Bahn ging ganz schön daneben. Irgendwie tauchten überall Hindernisse auf, die ich vorher nicht gesehen hatte. J und F stolperten ständig über die Markierungen. Es war einfach nur witzig. Ob im Urwald, auf dem Schiff oder im Weltall. Immerhin konnte man so sagen, dass wir über Sterne gestolpert sind. Wer kann das schon von sich behaupten?

Do6Ich verfehlte den Ball, weil meine Augen mir ständig einen Streich spielten. Irgendwo auf der Bahn waren einfach Kanten, die wie aus dem Nichts auftauchten und meinen Ball wieder zu mir zurückschickten. Eigentlich wäre es ganz schön frustrierend gewesen, wenn es nicht so lustig gewesen wäre! Reden hörte man eigentlich kaum jemanden. Höchstens mal einen Fluch oder die empörte Frage: Was?! Wo kommt das denn jetzt her?! Sonst war nur lautes Lachen zu hören. Überall. An jeder Bahn. An der letzten Bahn, fanden wir dann tatsächlich noch heraus, dass man sich gar nicht bücken musste, um den Ball wieder aus dem Loch zu holen. Dafür reichte es einfach den Schläger umzudrehen. Gut, dass uns das so früh auffiel.

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  •  Alleine im fremden Zuhause
  •  Nettigkeit der Pottler
  •  Über Sterne stolpern
  •  Verwirrt sein
  •  Minigolf!

Sonntagsfreude und Kronkorkenverstecke

Warum nicht mal dann feiern, wenn andere auskatern? Sonntage sind irgendwie schon immer die Tage des Wochenendes gewesen, aus denen ich entweder am meisten oder gar nichts herausholen konnte. Ein bisschen ging nie. Entweder wandern oder den ganzen Tag im Schlafanzug auf dem Sofa hängen. Im Schlafanzug wandern hab ich zum Glück bisher noch nicht gemacht.

Sonntag. Nach zwei Stunden Schlaf, immer noch ein bisschen geschwächt von der Krankheit, die mich so umgehauen hatte, schlürfte ich mit meinem DVD Player unterm Arm durch die Stadt. Menschen waren bereits unterwegs. Sie grüßten sogar-wie mitleidig musste ich ausgesehen haben? Ab in die eigene Wohnung. Duschen. Es war acht Uhr morgens und in 2 ½ Stunden wollten hier viele Menschen in meinem Nest frühstücken. Denn es sollte gefeiert werden. Mich. Mein Abschluss. Wären diese Leute nicht, dann wäre ich wahrscheinlich ins Bett gegangen und hätte Dexter um Rat gefragt.

30 Brötchen vom Bäcker holen. Mit der besten Freundin über den Flohmarkt schlendern und pünktlich wieder in der Wohnung sein. Alles innerhalb 2 ½ Stunden. Plötzlich klingelte es ununterbrochen an der Tür. Meine Freunde waren da. Sie hatten Humus, Käse, Obst und Kekse dabei. Es war ein prächtiges Buffet. Die Sekt- und Bierkorken knallten, das mundende Getränk lief in Strömen. Morgens auf leeren Magen zu trinken, ist nur was für Könner. Wir sind keine.

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Einige meiner Freunde schleppten eine ganze Kiste Bier die Stufen hoch. Sie tranken schon seit gestern Abend und waren noch immer guter Dinge. Ihre eigene Zahnbürste-für Kinder von 1-7Jahren-hatten sie auch mitgebracht. Die Bude wurde voller und voller. Es wurde gelacht und gequatscht. Es war laut. Ich musste meinen Sauberkeitszwang unterdrücken: Überall flogen Brötchenkrümel wie Konfetti durch die Küche. Dann krachte es. Mein Glastisch im Wohnzimmer wurde sauber in zwei Teile geteilt. Nicht so schlimm: Kreativ wie sie sind, bauen sie daraus einen Bierständer.
Irgendein Witzbold verteilte überall in meinen Regalen Kronkorken. Es ist wie Ostern. Ob in meinem Efeu, hinter meinem Wecker oder in den Schuhen-sie waren überall. Selbst im Kühlschrank.

Das schönste Geschenk, neben den zuckersüßen Eierbechern, war wohl die Anwesenheit meiner Freunde. Alle da. Wunderbar! Draußen auf dem Dach sitzen und den Nachbarn fröhlich zuwinken. Die dann spontan auch noch ein Foto machten. Im Endeffekt war dieses Frühstück eine gut getarnte Party. Nur eben morgens. Sie zog sich bis 17:30 Uhr und mir fiel siedend heiß ein, dass ich ja morgen Arbeiten musste. Da meine Freunde aber trotz versehentlicher Zerstörungswut im Wohnzimmer ganz akkurat waren, ging das aufräumen schnell. Plötzlich merkte ich auch, wie der fehlende Schlaf an mir zerrt. Vielleicht sollt ich nächstes Mal eine Pyjamaparty machen. Immer an Sonntagen. Denn Sonntage sind Schwarz- oder Weißtage, graue gibt es nicht.

Exotenbegegnungen

Wie oft habe ich mich mit einer meiner Freundinnen darüber unterhalten, dass Männer heutzutage kaum noch den ersten Schritt wagen? Das sie gefühlt immer feigerer werden und man eigentlich nirgendwo mehr angesprochen wird? Wir haben sie schlecht geredet, sie als Feiglinge abgestempelt und die Hoffnung aufgegeben, dass irgendwo da draußen noch ein Kerl rumläuft, der auch nüchtern mal den Mund aufkriegt. Denn bisher wurden wir nur zurückangesprochen. Oder eben in dunklen Bars, zur später Stunde, wenn die Männer der Nacht sich genug Mut angetrunken hatten. Wir haben sie also gedanklich an den Marterpfahl geschnürt und die Friedenspfeife begraben.

Vier Jahre lang bin ich gependelt. Vier Jahre lange war ich auf einer vielbefahrenen Zugverbindung mit Millionen Menschen unterwegs gewesen. Mich haben Leute angesprochen, Smalltalk gehalten. Meist waren sie 50 Jahre alt und weiblich. Gerade auf dem Weg zur Arbeit und total tiefenentspannt oder enorm hektisch, weil sie nicht wussten, wohin der Zug eigentlich genau fuhr und wo sie umsteigen mussten. Heute war das anders. Heute war alles anders.

Die Müdigkeit hing mir noch (oder schon wieder) in den Gliedern. Der Zug war so voll, dass ich mich, nachdem ich mich durch 3 Wagons gequetscht hatte, frustriert auf den Boden setzte, ohne zu bemerken, dass ich dabei beobachtet wurde. Als ich dann irgendwann die Augen wieder öffnete, strahlte mich ein Typ in der Scheibe an. Einfach so. Impulsartig lächelte ich zurück. Bin ja kein unfreundlicher Mensch. Mit der Kettenreaktion hatte ich allerdings nicht gerechnet: Er drehte sich um, lächelte, stand auf, kam rüber und setzte sich neben mich. Ein kurzes „Hallo“ und dann Schweigen. Er saß einfach da. Mit Croissant in der Hand. Ich bin super im Schweigenaushalten, doch in dieser Situation ging das überhaupt nicht. Was für eine Frechheit sich einfach neben mich zu setzen und zu essen.

Taktisch hat der Typ das ziemlich schlau gemacht. Er überließ mir damit die Wahl, ob ich mit ihm reden wollte oder nicht. Er war sowieso ein ziemlich schlauer Kerl. Ich denke auf Zugfahrten sammelt er Handynummern wie andere Menschen Bahnbonuspunkte. Nie habe ich eine so gute Technik gesehen: Intensiver, aufmerksamer Blick, verschmitztes Lächeln. Ab und an mal beiläufig was aus der Lebensgeschichte eingestreut, darauf hingewiesen, dass man mal viel Geld verdienen wird und wo man schon überall herumgekommen ist. Interesse geweckt und nur das von sich erzählt, was auch auf mich zutreffen könnte. Für mich war klar, das ist eine Person, die mindestens zweigleisig fährt und das so raffiniert anstellt, dass keiner der beiden es mitbekommt. (Tschuldigung für die Schubladeneinordnung.)

So schnell kann es gehen, dass eine Person, die man sonst eigentlich gar nicht beachtet hätte, einen ratzfatz mit einer coolen Aktion um den Finger wickelt. Es gibt sie also doch noch, die seltenen Exoten.

Johnny Cash und Wursttofu

Das ich unter diesem Tag noch einmal einen Eintrag schreiben würde, hätte ich nicht gedacht. Denn ganz offiziell bin ich ja gar keine Studentin mehr-außer vielleicht tief im Herzen. Aber wenn die Hälfte der eigenen Freunde und die Freunde der Freunde noch Studenten sind, kommt man schneller wieder in diesen Unfug rein, als ursprünglich angenommen.

Da hat also am Wochenende doch tatsächlich einer dieser coolen Socken eine WG-Party geschmissen. Ich liebe ja solche Parties, auf denen man eigentlich niemanden kennt. Schon gleich zu Anfang hätten wir die Tür verfehlt, wären da nicht diese Typen gewesen, die uns den Weg gewiesen hätten. Das lag nicht am Alkohol, den wir uns zum Mut antrinken vorher reingekippt hatten, sondern eher daran, dass ich die einzige war, die das verwöchentlichte Geburtstagskind kennt. Ohne zu wissen, wo er eigentlich wohnt.
Und es war wie angenommen: Wir kannten tatsächlich niemanden, außer den Gastgeber und seinen verrückten Kumpel. Am Ende kannten wir uns selbst nicht mehr. Es war laut, voll und bunt.

Umso später der Abend, umso betrunkener die Menschen. Man stellte sich vor und doch hatten sie den Namen direkt wieder vergessen. Jeder unterhielt sich mit dem anderen, als würde man sich schon Jahre kennen und nicht erst seit den letzten 5 Minuten. Der Entschluss zu gehen brachte uns gerade mal vom Sofa bis zum Flur. Hier wurden wir direkt wieder vom Gastgeber abgefangen. Studenten sind ein tolles Völkchen.

Alkohol ist der Antrieb, ergänzt durch den Fuchs, den jeder in sich hat. Ideen, die sonst keinem einfallen würden. Man könnte ein Buch darüber schreiben. Wodka-Wurstwasser-Mische werden verteilt, obwohl die Jungs doch eigentlich nur kurz Kuchen holen wollten. Wie kommt man von Kuchen auf Wurstwasser und dann darauf dieses mit Wodka zu mischen? Den Tofu hätten sie auch direkt in Wurstwasser eingelegt, hätte sie keiner davon abgehalten. Nichts muss man mehr selbst tun, sobald man einen Kerl mit 2 Bier intus mit den Worten „sei doch mal unser Held“ anspricht.

Wenn man dann noch einen redseligen Knaben findet, mit dem man die ganze Nacht über die verweichtlichte Gesellschaft und Johnny Cash philosophieren kann, dann weiß ich: Der Abend hat sich gelohnt. Denn nur so erfährt man was über die Menschen, ohne selbst viel zu sagen. Tatsächlich findet man sogar die Musik irgendwann ein bisschen tanzbar. Eigentlich unvorstellbar für mich.
Nur Montagmorgen werde ich ganz eindeutig merken: Ich bin kein Student mehr, auch wenn ich oft so tue. Denn die können einfach liegen bleiben, während ich mich mit müdem Körper in die Visite schleppen werde.

Sekundenbeurteilung

Sechs Uhr morgens. In der Woche – Jeden Tag um diese Uhrzeit aus dem Bett quälen. Nicht einmal hell ist es draußen. Mit müdem Körper, mit schläfrigen Gedanken, fahre ich zum Bahnhof. In der letzten Zeit weiß ich wieder einmal partout nichts mit mir anzufangen. Ich lungre umher, lese ein paar Seiten, lege das Buch wieder zur Seite. Ich bin unruhig, brauche ständig was zu tun. Daher war ich von der täglichen Reise nach Fulda gar nicht mal so abgeneigt. Ich hatte was zu tun. Das ganze war Pflicht, ich war an Züge gebunden und musste meine Zeit absitzen. Kurzgefasst: Ich konnte nicht davonlaufen.

Wenn man so früh am Morgen am Bahnhof steht, bemerkt man schnell, dass man nicht die einzige müde Person ist. Die Menschen stehen immer im gleichen Abstand zueinander. Sie starren alle, in Gedanken versunken, in die gleiche Richtung. Der Zug fährt ein, alle drängen los. Es riecht nach Bremsen, Brötchen und Kaffee.

Mir ist es ein Rätsel, wieso wir Deutschen kaum bis gar keinen Smalltalk führen. Und mir ist es ein noch größeres Rätsel wieso uns das dann in Zügen so leicht über die Lippen kommt. Wieso kommt man schneller in ein Gespräch, wenn man nebeneinander sitzt? Wieso aber schweigen alle, wenn man einen Fahrstuhl betritt?
Diese Gespräche mit wildfremden Menschen taten mir gut. Dieser kurze Einblick in ein fremdes Leben. Der Rest bleibt Spekulation. Vielleicht wird man sich nie wieder sehen.

Oktoberfestfaher mischten sich mit Berufspendlern. Die einen munter angeheitert, die anderen genervt. Man ist nie froh darüber, wenn andere frei haben und man selbst auf dem Weg zur Arbeit ist.
Die Stimmungen der anderen sind ansteckend. Neben mir ließ sich ein junger Mann nieder. Er roch nach Regen und Kaffee. Am liebsten hätte ich ihn in den Arm genommen und ihm ein bisschen Zuversicht geschenkt.

So viele Lebensgeschichten, so viele Menschen mit eigenen Sorgen und Freuden ziehen jeden Tag an uns vorbei. Und wir wissen nichts über diese Personen. Wir sind zu beschäfigt mit unserem eigenem Leben. Nehmen andere vielleicht nicht einmal wahr, blenden Ereignisse aus, lasten uns keine weiteren Probleme auf die Schultern. Und trotzdem stecken wir innerhalb eines Sekundenblickes die anderen in Schubladen. Ich möchte nicht wissen, in wie vielen verschiedenen ich schon stecke.

Und tschüss, Studentendasein.

Nach freiwillig aufgehalster, gutbezahlter Arbeit in den letzten Wochen, habe ich nun noch eine 1 1/2wöchige Verschnaufspause, bis ich ins echte, ins große, ins wahre Arbeitsleben einsteige. Einsteigen will, darf und muss. Es gibt dann kein Ausreden mehr Morgens, die mich selbst beruhigen können und mir noch eine Stunde länger Schlaf verschaffen. Das geht dann gleich von 0 auf 8 Std. an einem Tag. Acht Stunden, liebe Leute, wie macht ihr das nur – oder bin ich einfach nur zu verwöhnt?

Arbeitsmenschen haben meinen größten Respekt. Man darf sich nicht mehr ablenken lassen, nur weil draußen die Kastanien vom Baum fallen. Auch wenn das viel spannender ist, als die zu erledigende Arbeit. Man muss sich immer zwei Mal überlegen, ob man wirklich krank ist, oder ob der Schnupfen nur eine Ausrede darstellt. Und nach dem Arbeiten ist der Tag schon fast gelaufen. Einkaufen, vielleicht etwas kochen, aufräumen und schon sitzt man, wenn man nicht zu müde ist, mit dem Buch auf dem Sofa. Nur um dann eine Stunde später ins Bett zu gehen, weil man ja am nächsten Tag wieder früh raus muss.

Bis jetzt freue ich mich auf den Arbeitsstart, aber umso näher er rückt, umso weiter fern möchte ich ihn wieder haben. Wer weiß was mich erwartet. Welche unlösbaren Aufgaben mir zugeteilt werden. Was ist, wenn ich das alles gar nicht verstehe und mich anstelle wie der letzte Idiot? Da sitzen echte Menschen vor mir, die Hilfe suchen. Da kann ich nichtmal schnell googlen, was die Lösung sein könnte. Ich fühle mich ein bisschen so, wie eine unsichere Braut vor der Hochzeit. Mit kalten Füßen und Katastrophenphantasien.

Was tut man also, wenn man noch knappe 2 Wochen Freiheit hat? Eine schrumpfende, kleine Freiheit. Macht man eine größere Reise? Hakt man nochmal schnell 10 Punkte seiner To-Do-Liste ab? Fängt man ein neues Hobby an?
Ich persönlich mache nichts. Nichts ist untertrieben, aber zumindest nicht viel. Dank meiner inneren Arbeitsuhr der letzten Wochen, bin ich pünktlich um 7:30 Uhr wach und starte ausgeruht in den Tag. (Das ist eine Lüge. Auch wenn mein Körper alleine wach wird, findet er die Uhrzeit eigentlich immer noch zu früh.)

Eigentlich wollte ich tatsächlich eine Reise unternehmen. Nach Konstanz. Aber mein lieber Gastgeber und Kumpel ist leider krank geworden. (Gute Besserung, falls du das liest!) So habe ich einfach gar keinen großartigen Plan. Ich habe nichtmal einen winzig kleinen Plan! Da ist nichts besonderes was mich in den nächsten Tagen erwartet. Ich male mir also in allen bunten Farben aus, was auf mich zukommen wird und lasse auch sonst alles auf mich einprasseln. Lasse mich überraschen, was die Zeit so bringen mag. Ist das ein sehr trauriges Ende für ein Studentenleben?

Gratulation zum Tiefpunkt

Jeder hat sein Schicksal selbst in der Hand.
Wenn du etwas willst, dann tu etwas dafür.
Alles ist möglich.
So sagt man doch, oder?

Dann frage ich mich, wo ich wieder einmal falsch angesetzt habe. Warum stehe ich (oder eigentlich eher sitze ich) jetzt hier? Es ist als hätte ich den Tiefpunkt erreicht, nachdem ich das erreicht habe, was ich mir vorgenommen hatte. Genau jetzt. Kurz nach der Mitte des Jahres und am schönsten Tag des Jahres. Ich setze mir die Krone des Selbstmitleides auf. Ja, doch. Ich finde, ich darf das auch mal.

Gestern den Abschluss in die Tasche gesteckt. Meine Kommilitonen, die nun meine Ex-Kommilitonen sind, verabschiedet. Glückwünsche der Professoren in Empfang genommen. Mich ein bisschen in Euphorie und Freude gebadet. Die Absolventenfeier war nett. Ein bisschen viel Gequatsche, aber man konnte es dennoch aushalten. Das Wetter hat mehr als gut mitgespielt. Und ich wollte das feiern. Denn irgendwie darf ich doch auch ein bisschen stolz auf mich sein. Irgendwie ist das doch ein riesiger Schritt. Ich bin nun Akademikerin. (Nicht das ich das jemand auf’s Brot schmieren will, oder dass ich mich deswegen nun besser fühle.) Ich habe ein weiteres Ziel meines Lebensplanes abhaken können.

Ich hätte gerne mit jemandem angestoßen. Ich wäre heute Abend gerne tanzen gegangen. Aber ich sitze alleine Zuhause auf dem Balkon. Kann mich nicht selbst beschäftigen. Weiß nichts mit mir anzufangen. Komme mir vor wie ein quengelndes Kind ohne wirkliches Ziel. Laufe von a nach b und vergesse auf dem Weg, was ich machen wollte. Nein, ich habe es nicht vergessen, ich hatte nie eine Idee, was ich tun könnte.
Gibt es tatsächlich nur eine Hand voll Leute, die ich fragen kann und die wirklich schon was anderes vorhaben? Ist es wirklich notwendig, dass ich darüber enttäuscht bin, dass meine Freunde irgendwas machen, was sie auch am Abend zuvor oder morgen hätten tun können?

Ich glaube nicht, dass all mein Frust gerechtfertigt ist, wenn ich es objektiv betrachte. Aber subjektiv bin ich ganz schön angefressen. So sauer wie ungekühlte Milch bei diesem Wetter nur werden kann. Oder verbittert, wie 100%ige Zartbitterschokolade. Ich vergleiche mich eher selten mit Milch oder Schokolade. Ich schätze das ist ein Indiz dafür, dass ich sehr enttäuscht bin.

Umzugsaktivitäten.

Es ist soweit. Oder besser gesagt: Gestern war es soweit. Den ganzen Tag habe ich Kisten gepackt, Möbel durch die Gegend geschleppt und den Sprinter vollgeladen. Anlässlich dessen möchte ich eine kleine Geschichte über einen noch kleineren Ort erzählen. Ein kleines Städtchen, welches die letzen drei Jahre mehr oder weniger mein zweites Zuhause war: Fulda.

Jetzt bin ich weg hier. Raus aus diesem Nest. Ich kann mich genau an den ersten Tag in meiner eigenen, winzigen Wohnung erinnern. Ein Gefühl zwischen unbändiger Freiheit und absoluter Einsamkeit. Nicht größer als ein Schuhkarton war das schnukkelige Appartement, aber nagelneu, mit Fußbodenheizung. Es war kalt als das Wintersemester damals begann und meine Heizung funktionierte nicht. Die Vorfreude war so groß und dann solch eine erste Panne.
Eine neue Wohnung zu beziehen, heißt eigentlich, etwas neues aufzubauen, sich irgendwo zurechtzufinden, ein Stück neues Leben zu beginnen. All das geschah eher unbewusst.
Die Stadt mit all ihren Leuten war mir so fremd. Und jetzt, wo ich all meine Möbel auseinander schraubte und all die Dinge in Kartons versteckte, dachte ich wieder an diesen ersten Tag zurück. Als wäre es gestern erst gewesen, so kommt es mir vor.

Fulda und ich – uns verbindet nur ein hauchfeiner Bindungsfaden – aber jetzt, wo ich nicht mehr die Gewissheit habe, regelmäßig die Tür dieser Wohnung aufzuschließen, zieht sich bei mir im Herzen etwas zusammen. Diese Stadt hat mich aufgenommen, eine vollkommen Fremde. Ich werde nie wieder nach einem Regentag „nach Hause“ kommen und mich über die Luft in der Wohnung beschweren. Ich werde nie wieder Dienstagabends genervt im Bett liegen und zwangsweise die Schlagerparade meines Nachbarn mithören müssen.

3 Jahre lebte ich nun zwischen Heimat (die gleichzeitig mein Zuhause ist) und zweitem Zuhause. Ich kam nie richtig irgendwo an. Konnte mich nie einleben, einrasten, war immer auf dem Sprung woanders hin. Das wird sich auch jetzt nicht ändern. Zumindest im nächsten Jahr nicht, wenn ich weiterhin vage Pläne im Kopf habe, die ich noch nicht umzusetzen vermag.

Vielleicht liegt es an meinen Kommilitonnen, warum ich doch ein bisschen warm geworden bin mit diesem Ort. Freundschaften haben sich geschlossen und ich mag die Leute nicht mehr missen, auch wenn wir jetzt alle in unterschiedliche Richtungen ausströmen. Ich freue mich auf das Neue. Das, was jetzt kommen wird und trotzdem kam der Abschied viel zu schnell. 3 Jahre habe ich mich drauf vorbereitet diese Wohnung wieder hinter mir zu lassen. Das sie zu einer Art Schutzhöhle und Zufluchtsort wurde, habe ich gar nicht bemerkt. Ich bin kein Mensch der Abschiede. Ich grüble lieber still darüber nach.

Das Schlimmste ist wohl (nach der Aufgabe meines Studentenlebens), dass ich ein kleines Stück meiner Freiheit einbüßen werde. Wieder zurück in die Wohnung, wo schon jemand wohnt, auch wenn es nur für ein Jahr sein wird. Großstädte mit ihrem Wohnungsmangel haben nichts anderes zu bieten. Sonst würde ich das eine Jahr mit einer nervenaufreibenden Wohnungssuche verbringen, nur um dann ein- und womöglich ein paar Monate später wieder auszuziehen. Trotzdem freue ich mich sehr, wieder in der Heimat Fuß zu fassen. All die Möbel aus der alten Wohnung lagern jetzt im Keller und warten geduldig. Viele Sachen habe ich wieder mit nach Hause genommen. Ich wusste nicht, dass sich so viel angehäuft hatte. Das ich so viele Dinge brauchte. Und obwohl es doch nur ein paar Kartons mit Unisachen und Büchern waren, die ich mit hierherschleppte, war es trotzdem fast wie ein neuer Einzug.

Die Liebe zum Studium.

2 Wochen noch und dann ist meine Studienzeit zu Ende. Einfach rum. 3 Jahre (Eigentlich 3 1/2 um bei der Wahrheit zu bleiben), die wie im Flug vergangen sind. Es gibt vieles zu bemängeln und noch viel mehr zu feiern. Das Studium war – das kann ich nur immer wiederholen – eine der fantastischten Zeiten meines bisherigen Lebens.

Letztens erst fand ich einen Bericht aus einer Uni-Zeitschrift wieder, in denen 20 Punkte angegeben waren, die man als Studierender mindesten einmal getan haben sollte. Manches fand ich ziemlich verwerflich, anderes ist mir selbst schon unfreiwillig passiert. Ich habe mir darüber ein paar Gedanken gemacht und meine eigene kleine Rückschau, mit meinen eigenen kleinen Punkten erstellt.

1. Unipartys mitmachen.
Jap, kennt jeder. Eigentlich sind immer die gleichen betrunkenen Menschen anwesend, eigentlich wird immer die gleiche schlechte Musik gespielt und trotzdem sind Studentenpartys noch immer die, wo man am meisten erlebt. Und wo man die meisten Leute kennenlernte. Ungelogen. In den 3 Jahren habe ich zwar nur Partys mitgemacht, die nicht an meiner eigenen Uni stattfanden, aber im Herzen sind wir doch eh alle Kommilitonen. Vielleicht wären die Partys an meiner Hochschule gar nicht so super gewesen, wie sie woanders waren und ich wäre sehr schnell ein Eigenbrödler geworden – von daher: Gut, dass ich sie da nie getestet habe.

2. Bibliotheksaufenthalte zu ungewöhnlichen Zeiten abhalten.
Auch hier kann ich sagen: Ja, alles mitgemacht. Allerdings war ich nie samstagabends oder in der Nacht in den Bibliotheken unterwegs. Dafür aber sehr früh Morgens. Und das ist, wie ich finde, noch ungewöhnlicher für Studenten, als sich spätabends im Arbeitsraum der Bib häuslich einzurichten.

3. In der Mensa etwas essen, ohne zu wissen was genau das ist.
Hätte alles sein können und hat nach nichts geschmeckt. Ein Essen so zuzerkochen schaffen auch nur Mensaköche.

4. Den Hochschulsport mitmachen.
Nicht irgendwas, was man wirklich gerne machen würde wie z.B. Pilates oder Kickboxen. Weil alle Kurse sind ja nach 2 Minuten schon belegt und da muss jemand mit fehlender Planung halt das nehmen, was noch überbleibt. In dem Fall: Jiu Jitsu. Kann man nicht aussprechen, macht mir persönlich auch echt keinen Spaß. Aber es soll ja Leute geben, die für 25€ so tun, als wären sie Krieger, die sich gegenseitig mit dem Körper am Boden festtackern.

5. Erstis auslachen, trotzdem aber freundlich tun.
Erstis erkennt man schon an ihrem Blick. Nicht nur daran, dass sie mittlerweile alle aussehen, als wären sie 12 Jahre und frisch aus dem Ei geschlüpft, weltunerfahren, verängstigt und planlos. Nach dem Abi hinaus in die weite Welt – Großstadtcampus und sich so durchschlagen. Nein, liebe Erstis. Nur weil ihr keine Ahnung habt, was ihr mit eurem Abi anfangen sollt, muss nicht IRGENDWAS auf Teufel komm raus studiert werden.
Ich habe oft über Erstis gelacht. Und ich habe sie, an einem meiner bösen Tage, auch oft in die falsche Richtung geschickt – aber da muss doch jeder durch, oder? So sehen sie immerhin mehr vom Campus…

6. Was umsonst ist, wird mitgenommen.
Ich habe wohl noch nie so viele Kugelschreiber, Schlüsselanhänger, Gummibärchen, Werbepostkarten, Feuerzeuge, usw. mitgenommen, als in den 3 Jahren. Die Infostände kommen aber auch super an bei Studenten. Die haben nichts, die brauchen alles. Da wird alles von der Straße aufgehoben und umgedreht – der Kronkorken könnte ja auch Kleingeld sein.

7. Liegen bleiben.
Wer das nicht getan hat, der hat nie richtig studiert. Irgendwann kommt immer der Tag an dem man sich am Abend vorher noch fest vorgenommen hat: „Morgen geh ich AUF JEDEN FALL zu der Vorlesung!“ Auch wenn man sich die Wochen vorher immer gut rausgeredet hat, um nicht aufzukreuzen, morgen geht man auf jeden Fall. Und dann klingelt der Wecker und plötzlich denkt man sich: „Nächste Woche gehe ich AUF JEDEN FALL zu der Vorlesung.“ Das Semester geht vorüber und man war nicht einmal da. Nur weil man was besser zu tun hatte: Nämlich im Bett liegen zu bleiben.

8. Sich selbst einen Stundenplan zu basteln, den man am Ende total doof findet.
Das habe ich eigentlich immer gemacht. Vor dem nächsten Semester habe ich mir super motivert alle Module in den Stundenplan gelegt, so viel wie eben gingen. Nach der ersten Woche habe ich mich gefragt, wer sich den scheiß Stundenplan eigentlich ausgedacht hat. Jedes Mal aufs neue. Und immer war die Hochschule Schuld, nie ich. Wirklich. Zumindest aus meiner subjektiven Sicht.

9. Eine Strichliste führen.
Andere spielen Bingo. Ich habe eine Strichliste während einer Vorlesung geführt. Schon nach dem ersten Mal fiel mir auf, dass hier nichts spannendes zu lernen war. Das kam aber eher daher, dass die Dozentin ständig „Kollegin“ sagte. Auch in meinem alten Studiengang hatte ich so einen Dozenten. Kein Wunder, dass ich jedes Mal eine Strichliste führte, wie oft die besagten Worte verwendet wurden. So ging immerhin die Zeit schneller rum.

10. Zum Tutorenschreck werden.
1. Stunde des Tutoriums und neben mich setzt sich der Kerl, der am meisten redet. Ich bin ja eine Person, die über jeden Müll lacht. Er kann aus allem Witze machen. Keine gute Kombination. Das Tutorium war weniger hilfreich, der Tutor danach um 20 Jahre älter. Aber immerhin habe ich einen neuen Freund gefunden.