Faber & Kraftklub [Göttingen]

Göttingen. Eine kleine Studentenstadt mit alten Fachwerkhäusern. Irgendwo ganz knapp an der Grenze zu Hessen. So als könne sich die kleine Stadt nicht entscheiden, wohin sie gehören möchte. Sie muss sich vielleicht auch gar nicht entscheiden, denn an diesem einen Tag im Jahr, der 21.03.2018, ist es egal. Weil Faber und Kraftklub in der Stadt sind.

Im Oktober bereits begeistert gewesen von diesen Jungs aus Karl-Marx-Stadt. Mit überragender Show in Hannover. Dieses Mal ein bisschen näher ran. Dieses Mal noch ein bisschen mehr mittanzen, springen und singen. Aber vorab war da noch ein junger Mann mit Band, dessen Stimme ich ebenfalls seit letzten Jahr immer wieder gerne lausche. Als ich dann gehört hatte, dass er die Vorband sein wird, war für mich klar: Ich muss möglichst früh hin.

Faber ist ein junger Schweizer, dessen Texte ironisch den Finger auf die Wunde der Gesellschaft drücken. Ob bei Wer nicht schwimmen kann der taucht die Volkseinstellung zu Ausländern bemängelt wird oder doch eher mit Alles Gute das eigene Gefühlsleben plus die Verlorenheit. Egal, welche Wörter er da in den Mund nimmt, er schafft es einen zu fesseln. Mit der Stimme, die einfach so rauchig ist wie ein Abend mit Whiskey am Kamin. Nachts habe ich mir dann direkt noch Karten für eins seiner Konzerte gekauft. Weil ich nicht genug bekomme.

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I dont care. I love it.

Aber noch einmal zu Kraftklub. Wie auch schon in Hannover merkt man einfach, wie viel Spaß diese Männer an ihren Auftritten haben. Genau so wie die Zuschauer. Es gibt Moshpits, die sind so groß wie schwarze Löcher im Weltraum. Ich schätze es geht auch genau so viel darin verloren. Aber dennoch: Es hält einen gar nicht einfach nur so dazustehen. Man MUSS sich bewegen.

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Für immer allein‘, für immer.

Zum ersten Mal waren sie also in dieser kleinen Stadt. Zum ersten Mal wurde beim Glücksrat der Songs eine Niete gedreht. Raucherpause. Dann ging es weiter mit dem Coversong Schrei nach Liebe von den Ärzten. Faber kam noch einmal zurück für I love it von Icona Pop. Es wurde geknutscht auf der Bühne. Es wurden Bengalos gezündet. Es explodierten 500k Scheine in der Luft. Den legendären Stage Diving Wettkampf, gab es selbstverständlich auch wieder zum Schluss. Und wer hätte gedacht, dass zum allerersten Mal Felix gewinnen würde? Eh, Randale!

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Eh, Randale! Eh, Randale!

Eigentlich ist nur eins gesagt, was wirklich zählt: Es war überragend. Diese Band, dieser Faber, dieses Publikum (auch wenn ich mich wirklich alt gefühlt habe-der Durchschnitt lag womöglich so bei 16 Jahren). Sollte es eine nächste Tour geben, bin ich dabei. Ich würde es mir sogar jetzt schon im Kalender eintragen, denn „ich bin immer nur Fan von dir“.

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Amore [Wanda/Hannover]

Dieses Warten immer. Immer steht man stundenlang nach einer mäßig okayen Vorband  (dessen Namen keiner verstanden hat) vor der Bühne und wartet auf diese Truppe, die man eigentlich sehen will. Anfangs war das Capitol noch recht leer, doch umso später es wurde, desto mehr füllte sich der kleine Raum. Irgendwann, ganz plötzlich, ging es dann doch los.

Amore

Da standen sie dann, mit einem großen Tusch, auf der Bühne: Die Lieblingsösterreicher. Wieder einmal mit viel Amore und altbekannten Liedern starteten sie ihren Auftritt. Die Stimme ist kehlig und der Akzent taugt ganz gut. Selbst die Songs vom neuen Album, mit denen ich vorher nicht ganz so warm wurde, waren einfach stark.

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Zwischendurch holten sie dann bei „ein letztes Wienerlied“ und für ein paar weitere Lieder, ein Streichquartett auf die Bühne. Spätestens da war die Gänsehaut vorprogrammiert. Zugabe gab es leider nicht, weil Marcos Schmerzmittel nachließen. Er hatte sich beim Würfelpoker den Arm gebrochen. Überhaupt wirkte er insgesamt nicht ganz so fit, wie sonst. Lange hielt er es mit der Schlinge jedoch nicht aus. Nur Gitarre musste dann doch jemand anderes für ihn spielen.

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Nach dem Abend, dem ganzen Wiener Schmäh und dieser wunderbaren Band, ist meine Vorfreude auf meine Wienreise noch einmal kräftig gewachsen. Wanda, immer wieder gerne. Amore.

Band mit dem K

Hannover. Es ist kurz vor 21 Uhr. Wir sitzen auf den Rängen in der Swiss Life Hall und warten. Es ist für mich besonders komisch heute hier zu sein. Nicht nur, weil ich Kraftklub schon immer mal live sehen wollte und bisher nie die Gelegenheit dazu hatte. Sondern auch, weil mein Lieblingsmann neben mir sitzt und wir versuchen uns nichts anmerken zu lassen, was der andere gerade denkt oder fühlt. Es ist ein Pokerfaceabend.

Zuvor spielte eine Band, dessen Namen ich schon wieder verdrängt habe. Wenn ich es beschreiben müsste wäre es wohl ähnlich wie: Junge Frauen, die auf der Bühne ganz schrecklich versuchen zu „singen“, was sich aber leider sehr wie Geschrei anhört. Ich weiß, ich bin da nicht der beste Ansprechpartner für eine objektive Meinung-schließlich kann ich Frauenstimmen an sich nicht leiden. Bei dieser Gruppe weiß man allerdings nicht mal, ob sie gerade in Deutsch, Englisch oder in irgendeiner Phantasiesprache singen.

Wichtig ist gut auseinanderzugeh’n
Du hast einfach immer recht
Und wichtig ist auch beide Seiten zu seh’n
War ja auch nicht alles schlecht
Da muss keiner leiden, nur weil wir uns streiten
Das lässt sich ja vermeiden
Keiner der Freunde muss sich entscheiden
Zwischen uns beiden, wir sind nicht mehr dreizehn
-Kraftklub/Dein Lied

Also zum schöneren Teil des Abends. Nach angemessen viel Bier (das mein Körper uncool fand, weil er den Federweißer vom Mädelsabend vorher noch nicht so ganz weggesteckt hatte), wurde die Stimmung sogar zwischen M und mir etwas lockerer. Etwas. Ungefähr so von der Stufe „wir gucken uns lieber gar nicht erst an“, zu „werfen wir mal einen Seitenblick“. Zum Glück erlöste uns Kraftklub aus der Situation. Und ich muss mir wieder einmal die Frage stellen: Warum habe ich mir die nicht früher mal live angeschaut?

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Die sympatischen Menschen aus Karl-Marx-Stadt zerlegen tatsächlich alles. Sie drehen richtig auf, animieren, machen ein paar kleine Witze, beziehen das Publikum immer stets mit ein. Spielen Songs an, mischen sie mit anderen, damit auch jedes Lied mal kurz dran kam. Weil sie nicht alle Lieder von allen drei Alben spielen können, wird halt schnell das Glücksrad aufgestellt: Cover Song. Und die ganze Halle brüllt mit:

„Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe
(…)
Ohohoh Arschloch“
-Die Ärzte/Schrei nach Liebe

Besonders romantisch wird es selbstredend bei Alles Wegen Dir, was sie als Dankeschön an uns spielen. Sowohl bei Fan von dir und Blau werfe ich dann doch noch einen Seitenblick zum jungen Mann neben mir. Am Ende bringt mich dann leider ganz schön aus dem Konzept. Aber ich fokussiere mich dann doch lieber wieder auf Felix da vorne auf der Bühne. Melancholie und Mein Leben fügt sich irgendwie ganz gut zusammen.

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Kurz vor Ende wird noch einmal die Bühne gewechselt. Randale pur. Kurz noch eine Wettkampfsession Crowdsurfing, bei der Till ziemlich eindeutig gewinnt. Und schon sind auf die letzten beiden Songs zu Ende. Und somit unser Abend. Wer jetzt denkt, wir hätten die ganze Zeit gesessen: Nein, falsch. Schon direkt am Anfang sind wir aufgestanden und manchmal hat es uns sogar zum mittanzen und randalieren gebracht. Danke, ihr Sachsen.

Annenmaykantereit

„Das hört sich jetzt erst mal komisch an…“
aber das war mein erstes Konzert, wo ich wirklich bis zur Zugabe mal kein Foto gemacht habe. Eigentlich sollte das nicht wirklich schwer fallen, man ist doch sehr beschäfigt mit genießen, zuhören oder tanzen. Trotzdem habe ich bei manchen Liedern gedacht: Das jetzt auf Video wäre nicht schlecht. Für später.

„Nicht Nichts ohne dich,
Aber Weniger, viel Weniger für mich
Nicht Nichts ohne dich,
Aber Weniger, viel Weniger Für mich“

Es ging absolut ohne Handy. Nachdem Die höchste Eisenbahn eine halbe Stunde gespielt hatten, kamen endlich Annenmaykantereit auf die Bühne. Hennings Locken standen ihm wild vom Kopf ab und ich freute mich schon Minuten vorher auf den ersten Ton seiner tiefen, kratzigen Stimme. Bereits im Sommer war ich in Dortmund verzaubert wurden und wollte die vier Sympathen gerne wiedersehen. Das erste gesungene Wort trifft immer direkt ins Herz. Dann beginnt der Bass zu brummen, der Brustkorb vibriert, das Schlagzeug pochert im Trommelfell. Eigentlich ist wirklich der ganze Körper dabei.

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Quelle: HNA

Liebeslieder en masse. Eine Stimme die einen umhaut. Manchmal waren sie statt zu viert dann doch zu fünft und holten sich Verstärkung durch Ferdinand Schwarz. Alle möglichen Instrumente wurden rauf und runter gespielt. Alles nix konkretes haben sie komplett einmal durch. Mit kleinen Witzeleien zwischendrin. Und als er dann mit Du bist überall anfing, wusste ich, dass ich ohne Handy sowieso alles richtig gemacht hatte.

„Das hört sich jetzt erst mal komisch an,
Aber es ist kein schönes Gefühl,
bei ’nem Liebeslied die ganze Zeit mit einem Handy gefilmt zu werden
(…)
Ja! Und du bist überall
Aber nicht hier bei mir“

Ein paar Cover kamen natürlich auch wieder super an. Im Stil von Annenmaykantereit. Normalerweise bin ich kein Stück für Cover. Für mich gilt: Wenn ein Lied gut ist, wird es durch ein Cover meist ziemlich schlecht. Nicht so Come together.

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Mann mit Herz, fast barfuß am Klavier.

Am Ende sind wir dann noch mal sehr überrascht wurden. Zu aller erst als Zugabe Barfuß am Klavier. Wer die vier schon mal live gesehen hat, dem fällt schnell auf, dass sie sich den Song immer für den Abschluss aufheben. Das non plus ultra folgte dann aber danach. Als special guest holten sie sich eine Band auf die Bühne, mit der man in Kassel natürlich hätte rechnen können: Milky Chance. Wieder ein Cover. Also Roxanne, you don’t care if it is wrong or right…

Bussi Baby (Wanda)

Bis Wanda kamen. Und wie sie kamen, mit Wucht. Die Zeit bis dahin verbrachten wir mir Wasserstellen leertrinken, weil wir so Durst hatten und kleine Donuts futtern. Ziemlich bald allerdings mussten wir dann doch schon mal vor die Bühne, denn dieses Mal wollte ich AUF KEINEN FALL weit hinten stehen. Ich wollte Marco sehen und mit ihm tanzen. Hat auch fast geklappt.

Wanda. Meine Lieblingsösterreicher. Sie bringen ganz viel Amore mit. Wo immer sie auch hingehen, überall und immer. Hauptsache Amore. (Und Schnaps. Im Notfall geht auch Bier.) Gefühlt trinken und rauchen alle nämlich nur. Aber zwischendrin machen sie die beste Musik, um endlich einmal zu tanzen und mitzugehen. Mit der Musik und mit den hübschen Österreichern auf der Bühne.

Auseinandergehn ist schwer
aber jeder der hier sitzt weiß das zu sehr,
auseinandergehn tut weh,
wannst bsoffn wirst redst immer nur von ihr

-Wanda//Auseinandergehen ist schwer

Amore für alle. Ich liebe diesen Akzent und ich liebe diese Band. Ich konnte das Handy dieses Mal nicht in der Tasche lassen, musste kurz ein Amore an M schicken, auch wenn ich es später bereuen würde. Gerade fühlte ich mich einfach euphorisch und unbesiegbar. Dank Wanda.

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Bussi und Amore!

Diese Band ist dazu da um laut mitzusingen, zu springen, zu tanzen, zu pogen-eigentlich für alles, worauf man gerade Lust hat, solange man sich gut dabei fühlt. Auch wenn man nur stumm und bewegungslos dasteht, Hauptsache man würdigt ihr ein bisschen Aufmerksamkeit.

1,2,3,4 es ist so schön bei dir. 5,6,7,8 ich bleib die ganze Nacht. Ach Wanda, wäret ihr mal die ganze Nacht geblieben. Wie schön wäre das gewesen. Aber alle guten Dinge haben ein Ende. Bussi nach Wien! Und auf ganz bald, denn das war sicher nicht mein letztes Konzert bei euch.

Wenn jemand fragt wohin du gehst, sag nach Bologna!
Wenn jemand fragt wofür du stehst, sag für Amore, Amore!

-Wanda//Bologna

Liebe Wanda, falls es möglich ist, mich einfach dazuzusetzen, wenn ihr euch mal unterhaltet, bin ich dabei. Ungelogen kann ich das Österreichirisch nämlich 24/7 hören. Ohne Pause in einem durch. Die Musik findet sogar F gut, der erst ein bisschen skeptisch war, dann nicht ein Wort verstand, aber trotzdem einfach mittanzte. So muss das sein. Juicy Beats, das war wundervoll!

Das Krokodil raucht zu viel (AMK)

Ein Festival auf das ich wahrscheinlich nie gegangen wäre, wenn Wanda und Annenmaykantereit nicht dort gespielt hätten. Vor Monaten schon hatten wir die Tickets gekauft und die Vorfreude stieg immer weiter. Das letzte Mal war ich vor 3 Jahren auf einem Festival, hatte fast schon Angst, dass ich mittlerweile zu alt für den Mist bin. Bin ich nicht. Auch wenn ich wirklich gesiezt wurde, als mich jemand nach dem Weg fragte. Bitter. Aber seitdem ich mich auf dem Campus schon immer alt fühle, war das hier auch zu erwarten.

Das Juicy Beats ist relativ klein und dadurch, dass es im Westfalenpark stattfindet, verläuft sich die Menschenmenge eigentlich ganz gut. Am Anfang waren wir alle so planlos, dass wir nur durch die Gegend liefen und uns vorkamen wie die kleinen Männchen im Roller Coaster Tycoon Spiel-die irren nämlich auch immer so planlos durch die Gegend. Erst mal mussten wir die ganzen Stages und Floors abchecken und beschlossen dann eine kleine Pause am See zu machen.  Das ist das Gute an einem Park: Man kann sich überall hinsetzen und ein bisschen Auszeit nehmen.

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Für die Jugend mit Hashtag.

Es füllte sich dann aber doch recht schnell. Die Menschen wurden mehr und mehr und plötzlich war der Park auch gar nicht mehr so groß. Wir fanden uns dann aber doch noch einigermaßen pünktlich an der Hauptbühne ein, um die erste der beiden Bands zu sehen. Annenmaykantereit. In der prallen Hitze wurde gewartet und gewartet, bis es endlich los ging.

Ich hasse es bei solchen Veranstaltungen klein zu sein. Noch mehr hasse ich die ignoranten Menschen, die ganz genau sehen, dass man kleiner ist und die sich dann aber trotzdem genau vor einen stellen müssen. Äh? Danke.

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Liebe für die Herrn Annen, Herrn May, Herrn Kantereit und Herrn Huck.

Pünktlich trat die Band auf die Bühne. Die außergewöhnlich kratzige, tiefe Stimme des Sängers ist auch in live haargenau so wie man sie von den Lieder ihres Albums kennt. Überhaupt ist der ganze Haufen ziemlich cool. Eine Band, bei der nicht getanzt wird, höchstens ein bisschen mitgeschwungen, die aber dennoch das Herz berührt. Die Lieder gehen tief. Bleiben irgendwo im Ohr und im Herz. Die Stimme macht mir auch jetzt noch eine Gänsehaut. Es kribbelt eigentlich überhaupt überall, weil die Texte so sehr die Wahrheit sprechen.

Ich hab mit dir gemeinsam einsam rumgesessen und geschwiegen
ich erinner mich am Besten ans gemeinsam einsam liegen
jeden Morgen
danach bei dir
du nackt im Bett und ich Barfuß am Klavier

-AMK//Barfuß am Klavier

Die Sonne strahlte vom Himmel, tausende Leute sahen dieser Band zu und freuten sich gemeinsam über die Musik. So müssen Festivals sein. Auch Henning sah das so, wendete sich ans Publikum und sprach das an, was viel öfter gesagt werden sollte: Steckt die Handys weg und guckt mich an. OHNE auf den Bildschirm zu starren und das ganze Konzert zu verpassen, denn nur was genau JETZT ist, ist auch wirklich wichtig. Zwei ganze Songs lang hielten die Leute es durch. Dann begannen die Töne von Barfuß am Klavier und schon schwebten wieder die Handys in der Luft.

Und eigentlich sind wir viel zu lang zusammen, um jetzt damit aufzuhören.
Aber das ist ein verdammt beschissner Grund.
Und mir ist nicht egal, wie gut du mich kennst.
Und mir ist nicht egal, wie du mich nennst.
Und mir ist nicht egal, wo du gerade pennst.

-AMK//Pocahontas

Ach jaaaaa… Es war eine wunderbar, fantastische Stunde und sie ging viel zu schnell rum. Ohne Scherz. Ich war ein bisschen verliebt, wie ich es immer nach guten Auftritten noch besserer Bands bin. Es hielt an. Vor allem die Ohrwürmer die sich im Kopf wanden und alle Lieder mischten. Bis dann Wanda kam.

I’ve got high hopes (Kodaline)

So früh habe ich glaube ich noch nie an einem Sonntag einen Eintrag verfasst. Zwischen zwei Stunden Schlaf in der Nacht und meinem Frühstück gleich, will ich euch dennoch kurz von zauberhaften Iren berichten.

Nachmittagskonzerte sind einerseits praktisch (man hat sowohl den Morgen, als auch den gaaaanzen Abend, um was zu machen), andererseits auch total unpraktisch (es ist mitten am Tag, man muss das irgendwie schon ganz gut einplanen). Uns egal. Mit meiner besten Freundin-dieses Mal total aufgedreht- ging es zu Kodaline.

Stadien haben sie gefüllt und Vorband waren sie gefühlt auch schon überall. Im Gegensatz zu James Bay am Tag zuvor, traten diese 4 Menschen gleich viel offener auf. Ihre Lieder eher Balladen, die meisten davon bekannt. Sehr überzeugend war jedoch der Sänger: Nicht nur wegen seiner Stimme, auch weil er gleichzeitig Gitarre und Mundharmonika spielen kann und im nächsten Song einfach ans Klavier wechselt. Ein bisschen Gänsehaut ist da schon drin.

Immer wieder stelle ich fest, dass die Iren freundlich sind. Sympathisch und gutherzig-zumindest, so wie sie sich geben. Vielleicht sind sie auch ganz fiese Lügner und gute Schauspieler. Mir war das für die eine Stunde allerdings egal. Hauptsache ein paar wunderschöne Lieder, mit viel Herzschmerz. Mit guten Instrumenten, ruhigen und weniger ruhigen Melodien und melancholischer bis hochmütiger Stimmung. Kodalines Musik ist Therapie. Das habe ich gestern gelernt. Nicht nur für die Band, auch ein bisschen für die Zuhörer.

Das coolste daran: Als wir noch so durch diese kleine Stadt strichen-war ja erst nachmittags!-bogen wir um die Ecke und stießen fast mit ihnen zusammen. Da wir aber nicht so die Groupies sind, blieben wir nur kurz stehen, starrten sie an und trauten uns nicht mit ihnen zu reden. Typisch wir.

Home now, end of the night (James Bay)

Hört her, liebe Menschen, ein Konzert! Nach einer gefühlten Ewigkeit endlich ein Konzertbesuch. Normalerweise wäre ich vor Freude verrückt geworden, hätte mich den ganzen Tag darauf gefreut, mich endlich wieder verzaubern zu lassen. Ich, immer noch ein bisschen geschwächt, meine beste Freundin vom Arbeiten müde. Wir hatten so viel Zeit zum Totschlagen, denn das Konzert sollte erst um 23 Uhr beginnen. Bis dahin waren wir fast eingeschlafen-nur die Kälte draußen hielt uns wach.

In der Halle allerdings war’s voll und stickig. Alle anderen Menschen hellwach und erfreut, endlich den Klängen zu lauschen. Mit den ersten Tönen James Bays Gitarre wurde auch ich wieder lebendiger. Wie viele Gitarren hat dieser Mann? Gefühlt wechselte er diese nach jedem Lied. Die Freude war zurück, die Müdigkeit (beinahe) vergessen.

Da stand also dieser dünne, schlaksige, recht kleine Mann auf der Bühne. Mit Gitarre, Hut und langen Haaren. Vor allem aber mit einer Arroganz, die nur Menschen ausstrahlen können, die von sich überzeugt sind und die etwas erreicht haben. Ein bisschen hatte es den Anschein, als wäre er auf Drogen. Vielleicht war er ja tatsächlich in einem Rausch-es schien, als gäbe es nur ihn, seine Stimme und seine Gitarre. Paradoxerweise machte ihn seine Arroganz eher sympathisch. Wie schaffen Musiker das nur?

Diese Stimme ist einzigartig. (Ja, habe ich auch schon über Ed Sheeran und Mike Rosenberg gesagt, aber die sind halt alle einzigartig!) Er wechselt von glasklaren hohen Tönen hin zu kratzigen in einer halben Sekunde. Nie vorher so etwas gehört (außer bei oben genannten). Live noch viel bewegender als auf einem Tonband. Geht tief ins Herz, diese Stimme. Da bleibt sie dann. Eventuell sogar tagelang. Sein Schlafzimmerblick, den er sicher vorm Spiegel geübt hat, fügt die letzten Teile des Zauberpuzzles zusammen. Magisch. Auch die hohen Wangenknochen. „Hach, ist der schön!“, hört man die Teenies tuscheln. Von weitem sieht er ein bisschen aus wie Kristen Stewart, wie P. treffend feststellte.

Das Album hatte ich eh schon die ganzen letzten Monate rauf und runter gehört. Nicht nur wegen der Stimme, auch wegen der Texte. „Let it go“ war schon eins meiner Lieblingslieder, bevor es nun in den Radios gespielt wird. Auch „Craving“ und „If you ever want to be in love“ sind Songs, die selbst nach dem 5.000x hören nicht schlechter werden.

Wenn jemand auf der Bühne steht und vollkommen darin aufgeht, dann überzeugt er mich meist sowieso schon. James Bay kann das. Der ist so überzeugend wie Käsekuchen-da kann ich nicht nein sagen. Fast ein bisschen so sehr, dass ich hoffen würde, dass die Coolness, die ihn so einhüllt ein bisschen abfärbt. Oder eben, dass wenigstens seine Stimme noch ein paar Tage länger in meinen Erinnerungen klebt. Wärmstens zu empfehlen, der gute Brite.

Mighty Men

„Take to the sky
Open up your eyes and see how far you get in just one day
Take to the sea
And open up your heart and see how far you get atop this place”
– Mighty Oaks // One Day

Lange habe ich einem Konzert dieser Band entgegen gefiebert und dann waren sie tatsächlich in meiner Nähe. Na ja, so ungefähr nah eben, auch nicht gleich um die Ecke. Die bezaubernden Mighty Oaks. Eine Band zum Träumen. Aber da gab es einen Haken: Ich habe keine Karten mehr für dieses Konzert bekommen. Ich war einfach zu langsam, wie kann das nur sein? Wer hat mir das nicht gegönnt?

So habe ich meinen Bruder überzeugen müssen, dass wir uns das Konzert im Livestream anschauen. (War ja zum Glück möglich, da das Konzert Teil eines Festivals war.)Wir saßen also da und schalteten viel zu spät ein. 20 Minuten nach Beginn. Aber mit dem ersten Wort, welches Ian sang, ging mir das Herz auf. Musik ist etwas wunderbares, wenn es einen so berühren kann. Diese Band kann das. Die Stimmen sind so außergewöhnlich rau, so voller Emotionen. Ich konnte nicht mehr weghören. Ich musste den Mann mit den langen Haaren und dem Bart mit offenem Mund anstarren. Und ich wurde immer trauriger, dass ich keine Karten für das Konzert bekommen hatte.

Mighty Oaks haben mich schon seit ihrem ersten Lied begeistert. Damals hörte ich „Brother“ im Radio. Den meisten Liedern, die im Radio laufen, kann ich nichts abgewinnen. Oft fehlen die Instrumente, die Stimmen sind zu gewöhnlich. Aber hier war es anders. Hier stimmte alles. Es war Liebe auf den ersten Ton. Ich war süchtig nach diesem Lied.

Mich kribbelt es wie beim Verliebt sein, wenn ich ihre Musik höre. Und ihre Texte sind eine Raffinesse aus Wünschen, die so viel mehr versprechen, Fragen die das Leben stellt und gleichzeitig vielen wahren Wundern. Sie betreffen mich in irgendeiner Art und Weise immer. Egal ob ich meinem Bruder nun ans Ende der Welt folge, wenn er mich danach fragen würde, so wie sie es in „Brother“ besingen. Oder ob es die weisen Worte wie „fight for the love that you want in life“ (Shells) sind, die mich dahin zurückbringen, wo ich vor einiger Zeit vielleicht einmal stand. An den Ort, wo ich vielleicht hätte kämpfen sollen für die Liebe, die da vor mir stand.

Sogar ein Cover hat es mir sehr angetan, aber nur wer’s selbst hört, kann entscheiden:

Mit Passenger im Niemandsland

Das Radiokonzert begann um 18 Uhr. Pünktlich auf die Minute. In mir kribbelte es schon. Ich hatte Mike im Mai diesen Jahres schon einmal auf einem Konzert gesehen und hoffte inständig, dass das Publikum hier nicht ganz so langweilig sein würde, wie sie es dort gewesen waren. Meine Befürchtungen bestätigten sich zum Glück nicht.
Kurze Anmerkung: Erste Reihe, erste Reihe!

Der schlanke Engländer trat auf die Minute genau auf die Bühne. Er hob zaghaft die Hand, mit der anderen umfasste er fast krampfhaft seine Gitarre. Als er am Mikro ankam begrüßte er uns mit “Moin, moin”, die einzigen Deutschen Worte, die er wohl kannte. Er eröffnete uns ziemlich schnell, das er vor solchen großen Publikum immer recht nervös war. Das machte ihn direkt noch sympathischer. Nicht, dass ich diesem Kerl dort oben irgendwas hätte abschlagen, oder ihn gar unsympathisch hätte finden können. Ich verlor mich direkt in den ersten Zeilen seiner Lieder. In seiner Stimme, diese glasklare, einzigartig, wundervolle Stimme. Die, die direkt ins Herz geht und auch drin bleibt.

Bei Fairy Tales & Firesides pustete ich ihm die ersten Seifenblasen entgegen. Irgendwie hatte ich dann leider direkt die komplette Aufmerksamkeit aller Fotografen und Kameraleute. Nur bin ich jemand, der sich nicht gerne beobachtet fühlt. Als die ersten Blasen bei ihm ankamen und er aufschaute, ihnen mit den Augen folgte und ein bezauberndes Lächeln auf seinem Gesicht erschien, war es mir jedoch egal.
Er hatte vorher angekündigt, dass dies kein Konzert zum Freuen ist. Seine Songs sind traurig, voller Herzschmerz und Lebensgeschichten. Er hoffte, dass wir nicht weinend nach Hause gehen würden. Wer auf diese Stimme lauschte, diesen Mann ansah, dem musste einfach warm ums Herz werden. Wie viel Anteilnahme er gegenüber anderen Personen zeigt, sich die Geschichten von ihnen anhört, sie in seine Lieder einbaut. Wenige Künstler machen dies heute noch. So zum Beispiel in Travelling Alone. Sound of Silence und Patient Love. Lieder, bei denen man es nie leid wird, sie zu hören. Hier kam der englische Humor durch, wie es mir schien. Bei Patient Love verkündete er vorher ernst: “Der Song handelt davon, wenn ihr auf jemanden wartet den ihr liebt, aber derjenige vielleicht gar nicht auf euch. Es ist ein sehr, sehr fröhlicher Song.”

Immer wieder, nach jedem Lied, bedankte er sich für dieses großartige Publikum. Wir wären fantastisch, amazing, so so so wonderful. Cheers. Er kam aus dem sich bedanken gar nicht mehr wieder heraus. Einer der schönsten Gigs seit Langem. (Glaub ich jetzt nicht unbedingt, aber besser als in Bonn, war es allemal.) Wie gewohnt stimmt er zu I Hate an, und alle Menschen rasten förmlich aus. Sie hassen mit ihm, all das schlechte und unnütze in dieser Welt. Die Geschichte zu Let Her Go gibt er ebenfalls zum Besten. Er hätte nie gedacht, dass dieses Lied so einschlagen würde. Manche Songs brauchen Ewigkeiten um geschrieben zu werden, diesen schrieb er in 45 Min. – Ein neuer Song über seine Ex-Freundin. Daran wird ganz klar deutlich, dass er alles zu Gold werden lassen kann. Ob er nun von verlorener Liebe oder dem Weltuntergang singen würde. Ich kaufe ihm alles ab. Weil er es ehrlich und mit einer ganzen Portion Gefühl herüberbringt. Er ist bodenständig und kann seinen Erfolg immer noch nicht fassen. Seine Hand an seinem Herz, immer wieder, so ergriffen war er. Wer ihm dies nicht abkauft, dem kann ich auch nicht mehr helfen.

Es ist wie eine Gefühlsachterbahn, auf die man sich mit ihm begibt. Mal schwebt man im siebten Himmel, über all den anderen Menschen. Wenn dann noch sein Blick, deinen Blick trifft, denkst du tatsächlich niemand anderes ist mit in diesem Raum. Niemand. Nur du und er. Und all der Herzschmerz, all die Stories. Und eine Portion Humor.
Dann wiederum bringt es dich zurück ins wirklich Leben. Seine weisen Worte, all das, was niemand sonst in Worte zu fassen vermag.
Lieber Mike, bitte höre niemals auf mit dem, was du da machst. Ob du nun laut singst, all den Frust herausschreist, oder nur noch leise flüsternd, ohne Mikro, vor dich hinmurmelst. Mach es genau so weiter.

Zum Ende hin bat er sein Publikum um den Gefallen, die Smartphones wegzustecken und dieses Lied ohne Wand zwischen sich und den Menschen zu genießen. Sehr, sehr gerne waren alle dazu bereit. Und als wir mit ihm sangen, verabschiedete er sich und verschwand von der Bühne. Die Stimmung im Raum blieb. Das Publikum sang einfach weiter und genau solch ein Abgang hatte mir bei Ed Sheeran schon eine Gänsehaut gezaubert. Ed kam nicht zurück, doch Mike konnten wir für eine Zugabe auf die Bühne zurück singen. Nicht nur wir waren überwältig von ihm, scheinbar war er das auch von uns. Er hätte Gänsehaut, sagte er. Bei Holes griff er sich erneut ans Herz, lächelte und bemerkte: This is a Moment!

Das Konzert ging viel zu schnell rum und meine Seifenblasen waren noch lange nicht leer. Wir reihten uns draußen bei den andern ein, in der Hoffnung ihn noch zu erwischen. Tatsächlich ließ er uns nicht allzu lang im Regen stehen. Ich war wieder 14 Jahre alt und Fangirl.
Und als er das “Hey” freundlich ausspuckte, als wären wir die ersten, die er an diesem Abend begrüßte, seine Unterschrift auf die Karte setze und mich ansah, wusste ich: Dem werde ich endgültig, unwiderruflich verfallen sein. Alle letzten Zweifel wurden ausgetrieben, als ich ihn nach einem Foto fragte und er mir sagte, er müsse zum Flughafen. Mit Schmollmund und Hundeblick schaute ich ihn an. Die Wirkung traf zwar nicht ganz das Ziel, aber immerhin schaute er genauso identisch zerknirscht zurück. Wenn das mal nicht ein Moment zum Festhalten war.

Setlist
Fairytales & Firesides
Life’s For The Living
Caravan
Travelling Alone
Sound Of Silence
I Hate
Patient Love
Let Her Go
27
Whispers
Scare Away The Dark
Holes