Gestern vor zwei Jahren

Der Lack an meiner Tür beginnt abzusplittern. Ich fahre mit dem Finger langsam darüber. Über alle Macken und Kanten. Die Nervosität steckt in mir und trotzdem sitze ich ganz ruhig auf dem Boden, die Tür im Rücken und irgendwann das Gesicht in den Händen. All die Gefühle die mich überkommen, sind mir nicht anzumerken. Einzig und alleine tobt ein Kolibri lautlos in meiner Brust, nachdem die Schmetterlinge alle nacheinander wegen Einsamkeit in meinem Bauch verpufften.

Es war schon lange Zeit mit dieser Sache abzuschließen. Sie hätte gar nicht beginnen dürfen. Ich sehe uns noch genau vor mir, wie wir an einem milden Sommerabend auf dem Sofa saßen und die Frage, wie es jetzt weitergeht einfach nicht mit nach Hause nahmst, sondern auf dem alten Teppich im Wohnzimmer liegen ließt. Es hätte gestern sein können und ist doch schon zwei Jahre her.

In meinem Kopf kommt nichts mehr zur Ruhe. Herz und Verstand streiten sich. Mit voller Willenskraft habe ich nach Tagen des Überlegens dein Freundschaftsangebot angenommen. Weil ich dir nicht aus dem Weg gehen will und dich nicht aus den Augen verlieren möchte. Tage und Nächte habe ich überlegt, ob es überhaupt sinnvoll ist, eine Freundschaft mit dir zu beginnen. Eventuelle Probleme und die verschiedensten Szenarien habe ich mir ausgemalt. Und trotzdem ja gesagt.

Und dann kam dein nein. Plötzlich kannst DU das nicht mehr. Verzichtest auf Abende mit deinem Kumpel, nur um mir aus dem Weg zu gehen. Plötzlich lässt du mich doch hinter die Fassade gucken und erahnen, dass nicht nur ich mich in etwas verrannt habe.

Jetzt habe ich mich dafür entschieden und du dagegen. Eigentlich lief es zwei Jahre immer so. Im Wechsel. Mal dafür und mal dagegen. Eine Freundschaft muss sich entwickeln, hast du gesagt. Der Kolibri droht durch meinen Brustkorb zu platzen. Ich knibble den Lack von meiner Tür und versenke das Gesicht in den Händen.

Advertisements

4 Gedanken zu “Gestern vor zwei Jahren

  1. Ich bitte den Kolibri, Dir freundlich zu sein. Ich bitte ihn für Dich und für sich. Denn ihr beide seid von derselben Empfindsamkeit. Ich wünsche ihm, dass er bald ruhiger flattert, auch wieder einmal innehalten kann. Dann könnten, dann würden sich womöglich wieder Schmetterlinge in seiner Nähe und also bei Dir niederlassen.

    In diesem Sinne zutiefst freundschaftliche Grüße, liebe Ines!

    Gefällt mir

    • Ist leider nicht so einfach, wenn man so eine Vergangenheit hat und einiges zusammen durchgestanden. Mir fällt es eh schon immer schwer jemanden aus meinem Leben gehen zu lassen, aber bei ihm ist es im Moment noch nicht so ganz vorstellbar. Es ist zwar besser geworden, weil ich viel reflektiert habe, aber im Grunde verdränge ich gerade auch einfach sehr viel, weil so vieles anderes in meinem Leben passiert…

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s