Ein bisschen normal

Manche Menschen können sich einfach auf die Bühne stellen und losquasseln. Ihnen pocht nicht das Herz bis zum Hals oder gar bis in den Himmel hinein, sie kriegen keine schwitzigen Hände und rot werden sie schon gar nicht. Im Anschluss gehen sie zu einer Party, begeistern alle Leute mit ihrem Smalltalk, Witz und Charme.

Ich schaffe manchmal nicht mal meine Meinung vor einer Gruppe, bestehend aus wenigen Leuten, zu vertreten. Wahrscheinlich würde ich es nicht mal wagen, überhaupt ein Wort einzuwerfen. Auf Partys geh ich so ungern, wenn die Menschen mir da nicht bekannt sind. Ich kann sowas wie Smalltalk einfach nicht. Es ist für mich sehr schwierig, mit Leuten zu reden, die ich nicht kenne. Manche plappern viel von sich aus drauf los, dann geht das. Aber sonst komme ich sehr schnell als eingebildet oder unnahbar rüber, einfach weil meine Körpersprache sagt: Ich will eigentlich gar nicht mit dir reden. Lass mich in Ruhe. Dabei unterhalte ich mich gerne, zumindest wenn mein Kopf nicht so leer ist.

Genau so ist es mit dem telefonieren. Irgendwas blockiert jedes Mal in mir, wenn es darum geht jemanden anzurufen. In meinem Job muss ich das tagtäglich tun und man sollte meinen, dass ich mich langsam daran gewöhnt habe. Pustekuchen. Ich muss mich mindestens 5 Minuten gedanklich sammeln, um endlich die Nummer zu wählen. Meistens verhasple ich mich dann trotzdem bei den ersten Sätzen, gerade wenn mein Kollege mit im Büro sitzt.

Es ergibt auch so viel Sinn, warum ich ständig Zeit für mich brauche: Ich muss mein Akku wieder auftanken. Wieder Kraft sammeln und mich auf mich selber konzentrieren. Oft habe ich gedacht, ich hätte ein Aufmerksamkeitsdefizit oder ich wäre zu zerfahren und sprunghaft in meinen Gedanken, dabei bin ich einfach nur schnell ablenkbar. Es ist ja auch wirklich schwierig sich auf ein Gespräch zu konzentrieren, wenn irgendwo in einem der Nachbarshäuser gesaugt wird und gleichzeitig ein riesiger Schwarm Krähen am Himmel fliegt. All das muss doch wahrgenommen werden! Und es wirkt alles so intensiv auf mich ein, dass ich danach schnell ermüdet bin.

Wenn ich Zug fahre oder Flugzeug fliege, dann sitze ich liebend gern am Gang, wenn ich die Leute neben mir nicht kenne-ich brauche die Fluchtmöglichkeit. In Kinos, bei Vorlesungen und öffentlichen Veranstaltungen in geschlossenen Räumen, suche ich immer zuerst die Ausgänge.
In Menschenmengen fühle ich mich einsam, aber gleichzeitig klaustrophobisch. Es fällt mir schwer mit Leuten warm zu werden oder ihnen Dinge anzuvertrauen. Gefühle zum Beispiel. Außerdem kann ich sehr, sehr gut alleine sein. Dann zerdenke und überdenke ich Dinge gerne und liege oft einfach nur da, weil alles andere zu viele Reize hat.

Nachdem ich schon am Wochenende mit meinen Psychiaterfreunden gesprochen habe, diese mir natürlich erst einmal andere Erkrankungen andrehen wollten, die ich aber nicht kaufen wollte, haben wir dann herausgefunden, was es ist. Und es ist so einfach. So simpel. Ich bin nämlich gar nicht krank, ich bin einfach ganz „normal“ introvertiert. Ich habe das recherchiert. Auch auf imgegenteil.de kann man hier dazu einen Bericht lesen. All das lässt sich dadurch erklären. Manchmal ist es einfacher als man denkt.

Advertisements

6 Kommentare

  1. Etleiches von dem, was Du für Dich beschrieben hast, steckt auch in mir. Und DAS ist nicht krank. Für mich (und das habe ich auch bestätigt bekommenb) stellt sich meine insoweit vorhandene Besonderheit als eine Form der Hypersensibilität dar. Sie macht ein Stück meines Charakters aus, beeinflusst ihn und ruft bestimmte Reaktionen und Verhaltensweisen hervor oder begünstigt diese, während sie andere tendenziell eher blockiert. – Letzteres bedingt ein Potenzial anfälliger zu sein für bestimmte psychische Probleme – und die können dann irgendwann Krankheitswert erlangen. – Zu einem Teil, aber wirklich nur zu einem Teil, erklärt das etwas von dem, was mir vor gut zwei Jahren passiert ist (mein Zusammenklappen).

    Ich habe daraus gelernt (ob ichs schon immer umsetze, steht auf einem anderen Blatt), dass Menschen wie wir, besonders gut auf uns achtgeben sollten. Ich habe das ganz lange in diesem Sinne nicht getan und es fällt mir nach wie vor schwer. Aber ich habe inzwischen mehr bewussten Willen, das wirklich zu machen.

    Liebe Ines, Du bist nicht krank wie Du bist. Es ist auch kein Makel in der Weise einzigartig zu sein, wie Du es bist. Im Gegenteil. Ich glaube, es ist GENAU DAS, weshalb ich Dich halt ziemlich mag, ja sehr mag, schätze. Vor allem auch, weil Du zu dem stehst, was Du bist. Und ich bewundere Dich dafür, dass Du doch auch oft zu quicklebendig, so mutig, so ausgelassen bist und so zu begeistern verstehst und Zuversicht zu verbreiten.

    Hab Du Dich bitte lieb, lieber als ich es vermag und kann – so lieb, dass Du auch immer gut auf Dich aufpasst!

    In diesem Sinne liebste (sic!!!) Grüße an Dich!

    Gefällt mir

    • Nein, krank ist das auf keinen Fall. Das weiß ich auch. Klar, habe ich da immer auch ein bisschen Tendenzen zur Angsterkrankung, aber bisher habe ich weder Leidensdruck, noch macht sich das wirklich bemerkbar. (:
      Es ist ganz richtig, dass wir eher hypersensibel sind. Und das ist okay so. Ich weiß mit mir umzugehen und ich weiß mich mittlerweile auch zu beruhigen, wenn andere es nicht schaffen, mit mir klar zu kommen-früher war das oft sehr schlimm für mich.
      Ich achte also gut auf mich, habe gelernt mal abzusagen und nein zu sagen und mir Zeiten für mich zu nehmen. Ich hoffe, dass du das auch schaffst, denn es ist wahr, wir müssen ganz besonders auf uns acht geben und uns immer auch ein gutes Stück selber zu schätzen wissen und lieben. (:
      Ganz herzlich liebe Grüße!

      Gefällt 1 Person

  2. In manchen Punkten habe auch ich mich wiedergefunden, in anderen wiederrum gar nicht und dann habe ich für mich doch ziemlich merkwürdige Gegensätze festgestellt, die eigentlich gar nicht zusammen passen.
    Ich habe kein Problem mich vorne hinzustellen und etwas vor vielen Menschen zu sagen, auch, wenn ich anfangs vielleicht aufgeregt bin, doch sobald ich rede, rede ich einfach. Hingegen auf einer Party irgendwelche Menschen anzusprechen und einfach zu reden, kann ich überhaupt nicht. In der Arbeit macht mir telefonieren überhaupt nichts aus, privat lege ich mir die Sätze zurecht und wehe ein zurecht gelegter Satz passt nicht in das Gespräch.

    Schlussendlich ist es aber wohl auch total nebensächlich und auch du bist einfach du. Du bist so und das ist gut so, dass du so bist wie du bist. Es ist tatsächlich normal, weil das du bist. Und wenn wir alle gleich wären, alle die ganze Welt entertainen könnten, weil wir solche Rampensauen wären, was wäre das denn? Auch die „Kleinen im Hintergrund“ werden benötigt und die einen können nur überleben, weil es das jeweils andere Gegenstück auch gibt. Wir reichen uns alle gegenseitig die Hand. Und das alles macht jeden einzelnen zu sich selbst. Es ist keine Krankheit. Es ist ein Charakterzug, einer, der vielleicht mehr gefördert werden muss, weil er noch nicht so ausgeprägt ist, wie er eigentlich sein könnte. Oder auch einer, der eben einfach so ist. Dafür ist man in anderen Dingen wieder anders als der andere. Und das ist das Schöne. Dieses kunterbunt. Das jeder anders ist als der andere und das ist wirklich einfach nur normal 🙂

    Gefällt 2 Personen

    • Das ist für introvertierte wohl auch eigentlich recht üblich, dass sie sich auf Bühnen stellen können ohne Probleme, aber keine Gespräche mit Fremden halten können. Ich denke auch, dass es ein buntes Gemisch aus allem ist. In der Arbeit habe ich es sogar auch schon fast geschafft, dass Telefonieren einfach zu akzeptieren. Es gehört ja nun mal dazu.
      Danke, für die wertschätzenden, lieben Worte. Ich bin froh, dass du es so siehst-wir können tatsächlich nicht alle offen gegenüber allem und jeden sein. Nur manche kommen nicht damit klar, wenn man so verschlossen ist, wie ich es manchmal bin. Dabei meine ich das oft ja gar nicht böse, komme dann trotzdem häufig arrogant oder unfreundlich rüber. Dabei ist das ganz viel Angst und Schüchternheit, die da eigentlich aus mir dann spricht (oder eben nicht spricht).
      Wenn jeder gleich wäre, oh nein, das wäre wirklich schrecklich!

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s