Lebensbegeisterung

Wen will man begeistern?
Manchmal stehe ich vorm Kleiderschrank und frage mich: Wen will ich damit eigentlich überzeugen? Wozu ziehe ich heute den Pulli an, der meine Augenfarbe betont oder wozu das Kleid, in dem ich so niedlich aussehe? Eigentlich will ich doch nur mich begeistern. Denn meine Generation hat mich das gelehrt. Immer für sich selber kämpfen, den eigenen Mist ausbaden. So tun, als würde man Nähe suchen und nachts dann doch lieber alleine schlafen. Bettkerben sammeln, mit Leuten, die einem nicht gefährlich werden können, weil sie keine Gefühle in dir auslösen.

Genau das ist es: Eine einsame Generation. Eine kalte Generation. Es ist okay alleine zu sein. Es ist okay sich vor Enttäuschungen zu schützen, indem man sich gar nicht erst auf etwas Ernstes einlässt. Menschen, die sich sagen, dass sie klar kommen und dann nachts wachliegen und sich fragen, was jemand anderes wohl gerade macht. Die Bindungsphobie des Gegenübers schamlos ausnutzen.

„Zeige Desinteresse. Ignoriere sie, dann wird sie sich schon wieder melden.“
Verflucht, denk ich mir, warum um alles in der Welt, geben wir mittlerweile solche Ratschläge? Warum ist es mittlerweile am sinnvollsten zu warten und sich desinteressiert zu geben, wenn man eine Person wirklich mag? Was ist das für eine verquere Welt, in der man der Person, die man am liebsten den ganzen Tag anstarren würde, die kalte Schulter zeigt?

Nie war es so schwierig Beziehungen zu knüpfen, wie heutzutage. Eine Beziehung eingehen. Man wird ja auch nicht jünger, immer nur älter. Angeblich sind ja sowieso schon alle guten Männer vom Markt. Mit 28 Jahren schon fast alle verheiratet. Soll ich am besten auf die erste Scheidungswelle warten, damit ich auch noch jemanden abbekomme? Und sind die dann nicht genau so beziehungsgeschädigt, wie die, die jetzt noch „frei“ herumlaufen? Dann macht das Ganze ja gar keinen Unterschied.

Warum kann man heutzutage nicht mehr sagen: Ich mag dich. Kann man schon, aber die meisten fühlen sich dann so überrumpelt, dass sie direkt das Weite suchen. Bloß keine Beziehungen eingehen. Denn umso älter man wird, desto ernster werden die Beziehungen. Wer mit 30 noch Single ist, muss die nächste Freundin dann ja schließlich direkt heiraten. Möglichst nach 2 Tagen. Lieber schnell aus der Situation fliehen, als dem Ganzen eine Chance zu geben-weil die Angst vor Verletzungen zu groß ist.

Frei sein. Das machen wozu man Lust hat. Für niemanden Verantwortung tragen. Sich niemanden anpassen müssen. Keine Vorwürfe anhören. Nachts alleine schlafen. Es gibt so viele Vorzüge. Und was ist, wenn der Freund eigentlich auch gar nicht passt? Was, wenn da draußen jemand ist, der viel besser geeignet wäre? Alleine sein ist mittlerweile Trend. Mit sich selbst alleine sein. Mit sich selbst eine Beziehung führen und wissen, was am besten für einen selber ist. Am besten scheint immer nur zu sein, sich von demjenigen fernzuhalten, den man mag.

Wen versuche ich also zu begeistern, wenn ich weiß, dass meine Schutzmauern zu hoch sind, um wirklich was Ernstes draus werden zu lassen? Nur das Leben und ein bisschen auch mich. Denn wer sich selber liebt, ist nicht ganz so einsam.
Ich will das Leben für mich begeistern und begeistert vom Leben sein. Mehr nicht.

Advertisements

6 Kommentare

  1. Es steckt viel Wahres in Deinem Eintrag und viel von dem, was Du selbst schon erfahren musstest. – Freilich tue ich mich mit dem Begriff „kalte Generation“ schwer, denn ich sehe unter jenen, die eher meine Generation sind, ganz ähnliche Tendenzen, wie Du sie für die Deine beschrieben hast.

    Andererseits sehe ich in beiden Generationen Ausnahmen. – Und Du, liebe Ines, bist definitiv NICHT kalt! Das weiß ich aber mal ganz genau! 😉 – Denn DU bist Deinem WESEN nach nicht bestrebt, Dich von Menschen fernzuhalten, die Du magst oder mögen könntest.

    Du machst allerdings momentan eine Phase durch, während der Du nicht bereit bist, und ich denke, nicht bereit zu sein vermagst, Nähe, so wie sie den Wünschen Deines Wesens entspräche, zuzulassen. Weil Du etwas zu verarbeiten hast. Und das braucht Zeit. Gerade, weil Du eben nicht kalt bist.

    Unsere Gesellschaft macht viele Menschen kalt, sie erzieht sie so. Zu möglichst bedingungslosen Individualisten oder Leuten, die danach gieren „individuell“ zu sein und nicht bemerken, wie sie längst zu einer Meute konformer Uniformierter gehören. – Das ist eine scheußliche Entwicklung.

    Aber darin gibt es Ausnahmen, und bislang immer noch gar nicht SO wenige. – Und Du bist eine davon!

    In diesem Sinne, ganz, ganz liebe, Dich stärken wollende Grüße!

    Gefällt mir

    • Ausnahmen, da gebe ich dir recht, die gibt es immer. Selten und vereinzelt, aber sie sind da 😉
      Leider tue ich das dennoch sehr oft. Mich von Menschen fernhalten, die ich mag, um sie und mich zu schützen.
      Vielen dank, lieber Sternflüsterer. Es tut gut so etwas zu hören!
      Die liebsten Grüße an dich.

      Gefällt mir

  2. Liebe Ines,
    wen Du begeistern willst? Na, hoffentlich erstmal Dich selbst, damit Du andere begeistern kannst. Umgekehrt funktioniert’s nicht 😉

    Es ist gerade ’ne schlechte Phase für Dich, aber Du kannst stärker draus hervorgehen als Du reingeschliddert bist. Kein Grund, den Kopf hängen zu lassen! – Aber Du beobachtest das ganz richtig: viele „geben“ sich nur, sind aber nur selten sie selbst. Das erlebt man ja im Job immer wieder. Ich selbst kann mit solchen Leuten wenig anfangen, spreche genau das aber mitunter auch mal offen an.

    Vom Mitlesen hier habe ich den Eindruck, daß Du ganz individuell bist, nicht jemand für den Mainstream. Und das ist doch gut so. Also nur Mut! Alles wird und alles findet sich!

    Gefällt mir

    • So ist es wohl. In erster Linie sich zu begeistern, denn sonst kommt man nicht weit. 😉
      Ich finde es sehr schön, dass du soetwas ganz offen ansprichst. Viel zu wenige Leute trauen sich das. Mit solchen Menschen ecke ich auch oft an, die die sich nur „geben“.
      Vielen, lieben Dank! (:

      Gefällt mir

  3. Wenn ich das so lese, dann klingt die Menschheit ziemlich auf sich blickend und dann muss es einen eigentlich auch gar nicht mehr wundern, wenn die Welt so ist wie sie ist, wenn man das Zusammen, das Miteinander mal lieber hinten anstellt. Aber das ist zu weit ausgeholt in andere Themenbereiche und doch passt es so zutreffend und gleichzeitig macht es mich traurig, da ich so eine Art von Menschheit nicht mag, diese Art nur auf sich zu schauen und rundherum hinten anzustellen. Logisch, man sollte auch sich selbst nicht vergessen und bei so Kleinigkeiten wie der Klamottenwahl auf sich schauen, denn wenn man sich darin wohl fühlt, dann zeigt man das nach außen und man wirkt gleich viel fröhlicher. Doch ein „Ich mag dich“ kann so viel wert sein. Drei Worte, drei wunderschöne Worte. Und wer wird nicht gerne gemocht? Ich denke, dass vieles einfach nur Fasade ist, weil man Angst hat. Angst vor der Welt, Angst vor sich selbst. Und ich denke, dass wenn man diese Angst überwindet, dann kann man ziemlich offen sein, ich denke, dass man dann mit sämtlichen Situationen anders umgeht, anders denkt, anders handelt. Ich weiß es nicht, ich stelle nur Theorien und Thesen auf, doch ich könnte mir gut vorstellen, dass es so ist.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s