Matrosengeschichten

Es ist kalt draußen. Nasskalt. Unsere Klamotten sind durchweicht. Wir lächeln nicht. Stehen irgendwo im Feld und schauen auf das Neubaugebiet. Gucken uns an und spinnen uns eine Geschichte zu recht. Für die Familien da unten, die die dort wohnen. Stolz ihre eigenen Häuser gebaut haben. Dicht an dicht. Mit großem Garten, Kamin und eigenem Kinderspielplatz.

Ich weiß genau, was der Vater macht, sagt J und ich lache jetzt schon. Denn er kann die besten Lebensgeschichten erzählen, wo er doch selbst eine beschissene Vergangenheit hat. Und dann beginnt er zu erzählen:

Der Vater hat sein BWL Studium abgeschlossen, ist jetzt ein hohes Tier. Arbeitet sich dumm und dämlich und kommt abends spät nach Hause. Sein jüngster Sohn geht in die 200m entfernte Schule, die ältere Tochter auf eine weiterführende Schule in der Stadt. Mit dem ältesten Sohn wird nicht mehr gesprochen, er ist ausgezogen und macht sein eigenes Ding-er verstößt gegen sämtliche familiäre Regeln. Die Mutter ist durch und durch Hausfrau, verdient kein eigenes Geld, bekommt nur das Haushaltsgeld vom Ehemann zugeteilt. Sie will shoppen gehen, mal ins Kino mit ihren Freundinnen, mal rauskommen. Um Konflikten aus dem Weg zu gehen, stimmt der Mann einfach zu. Denn Kommunikation über Probleme-damit kann er sich nach Feierabend nicht mehr abgegeben. Er will im Sessel vorm Kamin sitzen und seine Ruhe haben. Einmal im Jahr fahren sie alle gemeinsam in den Urlaub, mit dem Wohnmobil an den Gardasee. Bis in die USA haben sie es auch schon mal geschafft, nur um sich dort über die Amis aufzuregen, über deren Lebensstil. Der Höhepunkt ist das Schützenfest, an dem ausgiebig gefeiert wird. Der Tochter wird immer wieder eingetrichtert, dass sie den jungen Medizinstudenten von nebenan heiraten soll. Denn dann kann sie sich dieses Leben, mit eigenem Haus, Kindern, Wohnmobil und Glück auch irgendwann leisten.

Wir starren uns an, uns läuft der Regen ins Gesicht. Ist das der deutsche Traum? Ein geregeltes Leben führen; jemanden heiraten, mit dem man gut auskommt; Kinder kriegen; ein Haus bauen; sich mit den Nachbarn anfreunden und einmal in der Woche zum Doppelkopf treffen; ab und zu in den Urlaub fahren und anderen Leuten davon vorschwärmen. Von diesem Leben, was man führt, auch wenn es langweilig und eintönig ist. Ohne viel Tamtam, ohne Abwechslung und ohne Farbenfreude. Ist das noch immer das Lebensziel? Auch für meine bindungsphobische, unruhige und entscheidungsunfreudige Generation?

So kann ich nicht werden. Keine Ausreißer mehr. Jemanden heiraten, der mehr schlecht als recht passt, nur weil es Sicherheit gibt. Für mich kommt das nicht in Frage. Keinen Spontanurlaub mehr buchen? Nicht mehr mal hier antesten und da antesten? Kinder kriegen? JETZT SCHON? Ich habe noch lange nicht alles das gemacht, was ich gerne noch machen wollen würde. Bisher habe ich noch nicht genug gelebt. Da stehe ich mit meinen Zukunftsgedanken und Freiheitsängsten, denke das diese Ängste auf alle in meinem Alter zutreffen, während J plötzlich sagt: Vielleicht ist das genau das, was ich brauche. Ein ruhiges Leben, eine kleine eigene Familie und Kontinuität. Diese ganzen Umzüge, die ganzen Schulwechsel in meiner Kindheit…

Weil er sein Leben rückwärts lebt. Er wurde herausgerissen, hat sich an seine eigenen Grenzen gebracht. So viele Häfen gesehen, die er sofort wieder verlassen musste oder wollte. Hat etliche Matrosengeschichten zu erzählen. Er hat sein Leben so anders gelebt als ich. Trotzdem stehen wir jetzt beide am gleichen Punkt. Womöglich irgendwann auch mit dem gleichen Ziel: Im sicheren Hafen anzukommen. Irgendwann.

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2 Kommentare

  1. Ich denke schon, dass man sich in dieser Welt irgendwann nach dieser gewissen Sicherheit sehnt. Ich bin zwar noch nicht so weit in meinem Leben, aber wenn ich Menschen aus meinem Umfeld anschaue, denke ich nicht, dass Haus, Ehe, Job und Kinder einer gewissen „Verrücktheit“ im Wege stehen müssen. Vielleicht vorübergehend, wenn die Kinder klein sind, aber auch die werden älter. Das kann ich allerdings nur aus meinen Beobachtungen schließen. Ich kann mir aber auch schlecht vorstellen, dass in unserer Generation so ein „spießiges“ Leben wie oben beschrieben noch großartig Anklang findet. Die verschiedenen Komponenten vielleicht schon, Familie und den Lebensabend nicht alleine verbringen, aber das Leben leben an sich aufgeben, nein, das denke ich eher nicht.

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    • Es ist immer eine Frage, wie man sein eigenes Leben dann gestaltet. Wie viele Abstriche man macht, wie sicher man es haben möchten, und und und. das stimmt also absolut. (:
      Ich glaube auch, dass sich unsere Generation da ganz schön einem Wandel unterzogen hat. Kaum einer kann sich das noch so vorstellen…
      Ein schönes Restwochenende dir!

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