Reisevorfreude

Gestern erst haben wir die kleine Schneiderei betreten. Irgendwo in dieser Stadt, wo es noch so viele versteckte Schneiderein gibt. Ewig war ich in keiner mehr gewesen. Sobald wir den kleinen Laden betraten, schaute uns ein älterer Mann türkischer Herkunft aus seiner runden Brille an. Er sah aus wie eine Schildkröte. Da er gerade noch beschäftigt war, ließ ich meinen Blick schweifen. Es war, als wäre ich plötzlich wieder in der Türkei. Als wäre ich im Urlaub.

An den Wänden hingen unzählige Rollen voller Garn. Nadeln feinsäuberlich aufgereiht im Nadelkissen. Der Geruch von Leder hing in der Luft und das leise klacken der Nähmaschine schallte zu uns herüber. Überall lagen bunte Fetzen Stoff. In einem kleinen Beutel holte er etliche Schlitten für Reisverschlüsse hervor. Er kramte darin herum und es klimperte leise vor sich hin. In meinem Kopf reiste ich gerade nach Istanbul. War irgendwie in Europa oder Asien.

Dann überkam mich der Gedanke ans erneute Packen. Noch eine Reise für dieses Jahr steht an. Es ist weder Istanbul noch ein anderer Ort in der Türkei. Es ist Teneriffa. Und es sind noch siebzehn Tage. Wie immer freue ich mich. Auf eine Insel, die ich nicht kenne, auf der es warm sein soll und wunderschön. Mallorca im Spätsommer hat mir geholfen endlich mal abzuschalten-vielleicht schaffe ich das auf einer anderen spanischen Insel ja auch.

Da plötzlich fiel mir ein, dass es Menschen gibt, die nicht reisen. Für die ist das einfach nichts, sagen sie. Aber wie kommt das? Will man nicht doch irgendwann ein bisschen von der Welt sehen und andere Kulturen entdecken? Wie kann man immer nur in der eigenen Heimatstadt sitzen und sich vor Abenteuern und Erkundungstouren verstecken?
Davor im gebrochenen spanisch Kaffee zu bestellen. Davor nach dem Weg zu fragen, nachdem man sich hoffnungslos verlaufen hat.
Davor Sightseeing zu machen, obwohl man das eigentlich doof findet. Davor, dass es einem die Sprache vor lauter Schönheit und Wundern verschlägt.

Ich verstehe Menschen mit Komfortzonen. Ich verstehe auch, dass es schwierig ist, diese zu verlassen. Alles muss gewohnt sein, heimelig und vor allem darf man sich nicht über die Grenze des eigenen Wissens hinaus wagen. Es könnte dann so viel passieren da draußen. Zum Beispiel, dass du die beste Zeit deines Lebens hast. Aber wer nie den ersten Schritt wagt, der wird auch nie irgendwo ankommen.

Advertisements

4 Gedanken zu “Reisevorfreude

  1. Onkel, Tante und Kinder von P. sind auch so, dass sie noch nie im Urlaub waren. Für mich ist das auch nicht ganz nachvollziehbar. P. sagte darauf nur, dass das bei denen halt so ist. Einen genauen Grund würden sie wohl selbst nicht wissen.
    Ich reise auch nicht viel, weil ich es mir einfach nicht leisten kann, aber ab und an raus und was erleben, ich könnte es mir ohne nicht vorstellen. Und wenn es nur Tagesausflüge sonst wo hin sind, irgendwann muss man einfach ausbrechen.
    Ich bin mir nicht sicher, ob es diese Menschen wirklich nicht wollen oder wie du schon sagst, etwas Angst davor haben.

    Gefällt mir

  2. Sehr schön! Wir sind auch gerade am Überlegen, ob wir spontan über Silvester zu den Kanaren fliegen. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob zu dieser Zeit noch etwas frei ist zu angemessenen Preisen. Wir schauen dann 3 Tage vorher bei den Last Minute Angeboten und dann lassen wir uns halt überraschen.
    Liebe Grüße

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s