Heimlich still

Heute frühstücke ich Tränen. Ich schmiere sie mir so dick aufs Brot, dass ich die Hoffnung darunter nicht mehr sehen kann. Ich hatte tatsächlich die naive Vorstellung, dass es nach zehn Tagen besser wird. Aber es wird nicht besser. Auch nicht nach vierzehn Tagen oder einundzwanzig. Nicht, wenn ich morgens aufstehe und merke, dass der Albtraum eigentlich tagsüber stattfindet.

Seit zehn Tagen habe ich nicht eine einzige Nachricht von dir bekommen. Nie deinen Namen auf dem Bildschirm meines Handys gelesen, wodurch ein kleiner Herzinfarkt ausgelöst wurde. Das fehlt mir. Deine dummen Kommentare. Deine zynisch-sarkastische Art. Du fehlst mir.

Manchmal schlägt mein Herz so stark, dass ich es im ganzen Körper spüre. Das ist nicht das, was mein Kardiologe mir vorhergesagt hat. Es ist das, was es tut, wenn es für dich schlägt. Wenn die Erinnerungen zurück sind und ich mich im Bett einkugeln muss, um das Loch in meinem Leben zu stopfen. Das schwarze, tiefe Loch. Denn irgendwie habe ich alles nach dir ausgerichtet, bis mir klar geworden ist, dass wir aneinander vorbeileben.

Auf dem Fahrrad hole ich tief Luft, bremse und biege in die Straße ein. Ich konnte schon immer extrem langsam fahren, ohne umzufallen. Jetzt kommt es mir vor, als würde ich fast stehen. Mein Blick ist so festgeklebt an dem hellerleuchteten Fenster, das um mich herum sonst etwas passieren könnte. Warum ich wieder an deiner Wohnung vorbeifahre, weiß ich nicht. Natürlich brennt Licht! Mein Herz fühlt sich so schwer an, wie noch nie. So schwer, wie zehn Elefanten, die mir in der Brust sitzen und die ich nun als dauerhafte Haustiere mit nach Hause nehme. Elefanten sind nicht leicht zu halten.

Wie oft war ich hierher gefahren, mit leichten Herzen. Wie oft habe ich da geklingelt, um mich endlich wieder von deinen Armen auffangen lassen zu können. Wie oft bin ich mit einem Lächeln wieder gefahren, trotz Angst, nie wieder zu kommen. Jetzt ist der Fall eingetreten. Diese Wohnung werde ich nie wieder betreten, nie wieder Tee mit dir auf dem Sofa trinken, Medizinbücher durch wälzen und schon gar nicht mehr zum Frühstück bleiben. Ich werde auch keine Pläne mehr für Wien oder Istanbul mit dir schmieden. Das fehlt mir am meisten: Gemeinsames Planen für die naheliegende Zukunft, auch wenn wir nie einen einzigen davon umgesetzt haben. Ich weiß nicht, wie ich es noch bis vor ein paar Wochen schaffte, dich zu fesseln, dich auf mich aufmerksam zu machen. Ich werde lernen mit deiner Ignoranz klar zu kommen. Diese Ignoranz, die du dir extra für mich angeeignet hast. Denn ich bin uninteressant geworden. War vielleicht nie interessant genug.

Es ist schwer zu lernen, aus der Ferne zu lieben. Abstellen werde ich diese Liebe nie können. Ich werde dich nicht vergessen. Egal ob zehn oder tausend Tage. Irgendwann werde ich wieder heimlich an deinem Fenster entlang fahren, nur um zu gucken, ob es dir gut geht. Irgendwann werde ich damit lernen zu leben. Aber ein Herz vergisst nicht: Es ist wie das Gedächtnis meiner Elefantenherde, die noch immer das Organ zerquetschen, was angeblich für alle Gefühle verantwortlich ist.

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2 Gedanken zu “Heimlich still

  1. Ach Ines …

    Ich drück Dich. Lehn‘ Dich ein bisschen an mich. Tu es so lange Du willst, aber mindestens so lange, bis es nicht mehr gar so weh tut.

    Sehr mit Dir fühlende, Dich hoffentlich wenigstens ein klein wenig trösten könnende, liebe Grüße!

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