Märchenhafte Gespenster

Wenn ich meine Gefühle für dich in diesem Moment beschreiben müsste, dann würde ich klingen wie eine persönlichkeitsgestörte kurz vor der Dekompensation. Ich würde zu einer Patientin von dir werden, vielleicht war ich das in deinen Augen ja schon immer. Ich hasse dich. Nie zuvor habe ich jemanden mehr gehasst. Aber vor allem habe ich nie jemanden zuvor mehr geliebt. (Es soll was heißen, dass ich mir sowas eingestehe. Ich, der Emotionskrüppel.)

Ghosten. Das ist doch das, was du gerade mit mir machst. Traurig, dass meine Generation dafür ein eigenes Wort hat. 76 Tage ging alles gut. Ja, verdammt. Ich habe nachgezählt. Wenn ich mich zurück erinnere, war es ein rückwärtslaufendes Märchen: Schön und genau so grausam. Das happy end zu Beginn, der grässliche Anfang zum Schluss. Ich sehe mich nachts deinen Pulli tragen. Ich sehe uns schnick-schnack-schnuck spielen, darum, wer das Fenster zu macht. Sehe, wie du vor mir stehst und mir die Medis zuwirfst, weil du dich nicht anstecken wolltest. Wie ich heimlich in die Klinik schleiche und dich im Sonntagsdienst mit Käsekuchen überrasche. Wie ich mit dem Rücken zu dir sitze und du mit den Händen die Stelle an meinem Rücken suchst, wo ich am besten punktiert werden könnte. Ich konnte mich nur auf deine Hände konzentrieren, habe jede Frage überhört. Du wolltest mir die Angst nehmen. Die Angst vor einer Punktion ist ein Witz gegen die Verlustangst, die ich jetzt habe.

Give me love like never before
‚Cause lately I’ve been craving more
And it’s been a while but I still feel the same
Maybe I should let you go
-Ed Sheeran//Give me love

Ich sehe mich auch bei Gewitter in deiner alten Wohnung liegen. Neben dir. Ich sehe uns, wie wir die halbe Nacht herumalbern. Ich höre dich laut und herzlich lachen und vor allem höre ich auch mich lachen. Echt und nicht so falsch, wie ich es jetzt ab und zu tue. Ich sehe dich. Immer nur dich. Egal, wohin ich gucke. Heute habe ich neun Stunden deinen Rücken angestarrt, saß zwei Sitzreihen hinter dir und habe deine schlechte Laune und Ablehnung gespürt, als würde sie bis zu mir herüber glühen.

Du ghostest mich.

Das ist es, wenn man eine Woche zuvor noch die Finger miteinander verschränkt hat. Gefragt hat, wovor man sich fürchtet und vor allem, ob man zum Frühstück bleiben möchte. Und eine Woche danach? Nichts mehr. Ich habe seit dem kein einziges Wort mehr von dir gehört oder gelesen. Weder ein „hallo“ noch ein „tschüss“. Warum auch? Es ist doch so viel einfacher sich einfach verschwinden zu lassen, damit du dich nicht mit mir auseinandersetzen musst. Es ist doch so viel einfacher. Nur für mich eben nicht. Weil es Selbstzweifel weckt und vor allem das Gefühl, als hätte es das alles nicht gegeben. Uns. Oder als wärest du tot. Echter Schmerz kommt von innen.

Vielleicht ist genau das jetzt der Punkt, an dem ich denke: Hätte ich dich doch nie kennengelernt. Hätte ich dich doch nie geküsst. Hätte ich dich doch nie gefragt, ob du bleiben willst. Hätte ich mich doch nur nicht zum ersten Mal in meinem Leben wirklich verliebt. So sehr, dass nicht mehr nur ich, sondern vor allem auch du wichtig wurdest.

Ich will zurück zu dem Zeitpunkt vor einem halben Jahr. Da wo ich entscheiden konnte, ob ich mich weiterhin vor dir verschanze oder ob ich die Mauern einreiße. Was passiert jetzt, wenn ich mich nicht mehr melde? Jetzt, wo du es nicht mehr tust. Jetzt, wo wir uns nicht mehr sehen. Weder zuhause noch in der Arbeit. Waren dann all die Nächte, all die Morgen und all die 76 Tage umsonst? Werde ich mir eingestehen, dass ich nie etwas Ernstes war? Ich mich an der Nase herumführen und um den Finger wickeln lassen habe? Oder werden wir das einfach aussitzen, uns einreden, dass es besser passende Personen gibt? Werde ich mich insgeheim in 5 Jahren noch immer fragen, ob du nicht doch der Richtige warst, mit dem das Leben hätte ein bisschen glücklicher werden können?

Hätte und Könnte. Vielleicht mein kleiner eigener Fluch: Das ewige Konjunktivliebesleben.

Advertisements

4 Gedanken zu “Märchenhafte Gespenster

  1. Liebe Ines! – Wieder ist es mir schwer, zu diesem Eintrag etwas zu schreiben, und doch tue ich es wieder. Wenigstens Deine Gedanken sollst Du sichtbar(!) begleitet wissen von einem, dem sie deshalb nicht egal sind, weil er Dich mag und schätzt, als eine wirklich gute, liebe Freundin.

    Da ist so viel, was Dich um jene Beziehung beschäftigt und vor allem belastet. Jene Beziehung, die Du so sehr hinterfragst, weil Du es wohl musst. Und dieses Hinterfragen zieht weitere, größere Fragen nach sich.

    Ich kann das sehr gut nachvollziehen und Dir die Last dieses Prozesses doch nicht nehmen. – Nur die eine, die vielleicht:

    Die, die sich offenbaren will, wenn Du über mögliche Selbstzweifel sprichst. – Denn die, liebe Ines, musst, brauchst Du nicht haben. Nein, wirklich nicht, denn Du bist Deinem Herzen gefolgt. Und an einem Herzen kann, soll, darf man nicht zweifeln. Ein Herz, ein tief und innig menschlich fühlendes Herz ist immer GUT, ist im Grundsatz immer Richtig, weil es zutiefst menschlich ist, so zu fühlen – das „Richtig“ in diesem Zusammenhang ist womöglich das einzige, was nicht relativierbar ist.

    Und weil das so ist, kannst und darfst Du die Selbstzweifel, zumindest hier, in diesem Fall, getrost beiseite schieben, vergessen. Sie sind unnötig, zumal jetzt, wo sie Dir noch mehr Last verursachen könnten als Du ohnehin gerade trägst.

    Du hast nichts falsch gemacht. Niemand, der seinem Herzen folgt, macht etwas falsch. Dass manches, was das Herz tut, irgendwann so sehr schmerzhaft wird, das ist eine der größten Tragiken überhaupt. Aber darin bist Du nicht „Schuld“ und Dein Herz schon gar nicht.

    Dieses, Dein Herz, kannst Du weiterhin lieben, ja es braucht Deine Liebe jetzt besonders. Und es ist so eingerichtet, liebe Ines, dass es Dich letztlich nicht enttäuschen wird, dieses Herz. Mag Dein Herz, Ines, liebe Dein Herz, zweifle nicht an ihm, nicht an Dir. Du kannst es ganz guten, reinen Gewissens mögen.

    (Ich mags doch auch … 😉 )

    Liebe, sternflüsternde Grüße an Dich!

    Gefällt mir

    • Ich mag es ja auch, sehr. Wir liegen nur eben manchmal im Zwiespalt und es trifft so oft die falschen Entscheidungen. Nun ist es halt so, dass ich damit klar kommen muss. Irgendwie. Das wird wohl keine leichte Zeit demnächst, aber ich hoffe einfach immer noch darauf, dass danach vielleicht eine bessere Zeit kommt. Eventuell.

      Liebste Grüße an dich. Und vielen Dank!

      Gefällt mir

  2. hallo meine liebe, da schaue ich nach wochen, nein monaten, endlich mal wieder in deinen blog (verzeih…) und bin ganz geplättet. was ist in der zeit nur passiert? ich hab nichts mitgekriegt und finde das so schade.

    dein text berührt mich sehr und irgendwie ist es schlimm, aber ich und bestimmt auch viele andere frauen können das alles in irgendeiner weise sowas von nachvollziehen, was du fühlst. ich wusste nicht, dass es „ghosten“ heißt, aber das gab es vor 10 jahren schon und es tut weh.

    ich weiß nicht, was genau vorgefallen ist und wie genau ihr (noch) zueinander steht, aber ich möchte mich dem kommentar vor mir anschließen: hört nicht auf, auf dein herz zu hören. bleib bei dir. lass dich, wie du bist, nicht verändern zu jemandem, der nicht mehr seinem herzen folgt. das würde es alles vielleicht leichter machen, aber nicht auf dauer.

    Gefällt mir

    • Viel ist passiert, liebe Bellona. Und du musst dich dafür gar nicht entschuldigen-du hast doch im Moment so viel anderes um die Ohren gehabt. (:
      Irgendwie ist es ja ein bisschen beruhigend, dass das keine neue Trenderscheinung ist, dieses ghosten. Dann sind zwischen all den Vollpfosten und Emotionskrüppeln vielleicht doch noch ein paar vernünftige Menschen dabei. Die, die eben weiterhin auf ihr Herz hören.
      Danke, für deinen lieben Kommentar!

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s