Malbuch in Herzform

Was mache ich hier eigentlich? Ich bin versucht das kleine Päckchen in meiner Hand wieder in die Tasche zu stecken und einfach zu verschwinden. Hat ja keiner gemerkt, dass ich überhaupt hier war. Aber was soll’s, jetzt habe ich die CD ja schon gekauft, eingepackt und keinen Absender drauf geschrieben. Nur ein kleines grünes Herz unten auf das Packpapier gestempelt und eine kurze Notiz auf dem Post-it hinterlassen. Keine Unterschrift. Vielleicht kommt er ja auch gar nicht auf die Idee, dass ich das war. Nur doof, dass an seinem Briefkasten kein Name dran steht. Mit aller Willenskraft, die ich aufbringen kann, lege ich das Paket vor die Tür und verschwinde. Drehe mich einfach um und hoffe, dass ich in zwei Minuten vergessen habe, dass ich es dort liegen lassen habe.

Ich vergesse es natürlich nicht. Mit jedem Meter, den ich zwischen mich und das Päckchen bringe, steigt der Wunsch danach, es wieder zurückzuholen. Es fühlt sich beinahe so an, als hätte ich mein Herz gleich mit vor der Tür abgelegt. Bei jedem anderen wäre mir das egal gewesen. Hier erscheint mir das alles so wichtig.

Mit dem Paket habe ich erreicht, was ich erreichen wollte. Wieder nach einem nächtlichen Regenschauer klitschnass vor seiner Tür stehen. Wieder dieses Lachen hören, weil ich aussehe wie ein begossener Pudel. Wieder stundenlange Gespräche auf dem Sofa und wieder seinem Herzschlag zuhören. Nur kann ich mich nicht jedes Mal wieder so bemerkbar machen. Nicht jedes Mal wieder so viel Energie hineinstecken, nur um nachts von einem anderen Körper eingewickelt zu werden und morgens müde jammernd am Frühstückstisch zu sitzen. Dieser Mann raubt mir zu viel Kraft.

Leider weiß ich genau, wie das Ende aussehen wird. Es läuft immer gleich ab. Gerade, wenn man sich in Sicherheit wähnt, dann trifft er dich an der verletzlichsten Stelle-deinem Herzen. Das können sie alle gut. Er zersplittert es in unzählige kleine Teile und geht. Immer nehmen sie ein kleines Stück davon mit, so dass ich es nie wieder vollständig zusammensetzen kann. Es ist jedes Mal das gleiche. Ich könnte die Szene ausmalen, wie ein Kind Bäume im Malbuch.

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6 Gedanken zu “Malbuch in Herzform

  1. Oh man, ich finde die Situation, die du da beschreibst sehr schwierig.
    Das Herz sagt „Ich will.“ und der Kopf sagt „Ich will nicht.“. Das ist die Misére daran.
    Die Frage ist jetzt, worauf hört man, wenn in einem ein Zwiespalt tobt.

    Hört man auf das Herz; wohlwissend das am Ende alles scheitern wird? Man weiß, am Ende gibt es Tränen, Sehnsucht und Trauer. Vielleicht geht es ja auch eine Weile gut; wenn auch nur für eine Nacht, eine Woche oder einen Monat. Vielleicht wird aus diesem Monat sogar ein Leben lang. Vielleicht auch nicht. Die Frage ist jetzt, soll man diese Nacht/ Woche oder Monat in vollen Zügen genießen und vielleicht doch auf ein unverhofftes Happy End warten oder soll man es vernunfthalber doch lieber lassen?

    Hört man auf den Kopf; wohlwissend das man am Ende nie eine Antwort auf die Frage „Was wäre, wenn …“ bekommt? Der Kopf sagt, beende dies bevor es nur schmerzhaft ist. Das Herz kann nie richtig los lassen, obwohl der Kopf besser weiß „Nö, das wird kein Happy End.“. Also, soll man jetzt lieber einen klaren Schnitt machen und die Sache endgültig beenden? So erspart man sich vielleicht nur halb so viel Schmerz wie die Sache durchzuziehen. Das ist eine Frage des Ermessens. Leidet man jetzt, später oder vielleicht sogar nie?

    Das ist wirklich sehr schwierig, Ines, aber das kannst nur du entscheiden. Herz über Kopf? Kopf über Herz?

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    • Mit einem „was wäre wenn“ kann ich leider schlechte leben, als mit einem klaren Strich am Ende. Auch wenn dann die Welt zusammenbricht, aus allen Fugen gerät und ich vielleicht monatelang unglücklich bin. Der Fall ist das Schlimmste daran. Aber nicht weiter zu versuchen und darauf zu hoffen, ist noch schlimmer. Hoffnung ist echt etwas sehr mieses, vor allem unerfüllte Hoffnung. Ich leider also eher ein Herzmensch, nachdem ich so lange Kopfmensch war. Aus dieser Sache werde ich wohl eh nicht unbeschadet herauskommen.

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  2. Etwas Ähnliches, wie Du mit dem Päckchen (was für eine liebe Geste!!!), habe ich auch einmal versucht.

    Allerdings kannte ich das Mädchen damals gar nicht, habe mich aber auch nicht getraut, es richtig anzusprechen. Habe ihr in dem vollen Zug meinen Platz angeboten, habe ein freundliches, dankbares Lächeln bekommen. Und dann war sie nach zwei, drei Minuten eingeschlafen. Einen zweiten Anlauf traute ich mich nicht als sie dann wieder wach war und ich ihr gegenüber saß. Nur ein kleines, heimlich geschriebenes Zettelchen habe ich ihr unter ihr Buch geschoben. – Aber sie hat es nicht bemerkt als sie ihre Sachen zusammenpackte und zwei Städte vor meinem Ziel den Zug wieder verließ.

    Ich sehe die Bilder noch heute, wohl an die dreißig Jahre später noch genau vor meinen Augen. – Manchmal bin ich geradezu verwundert, ja schockiert, an welche Dinge ich mich ausgerechnet so genau zu erinnern vermag. Es gibt etliche davon …

    Dein „Fall“ liegt ansonsten natürlich komplett anders, liebe Ines. Die Juliane, die vor mir hier einen Kommentar für Dich verfasst hat, hat es ziemlich genau auf den Punkt gebracht.

    Man kann da so sehr wenig helfen … (Dabei tät‘ ichs sehr gern für Dich)

    Liebste Grüße und bitte, bitte ein gutes Wochenende für Dich!

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    • Wie schade, dass das Mädchen den Zettel nicht bemerkt hat! Wäre ich das gewesen, hätte ich mich riesig gefreut. Eine kleine Überraschung, eine nette Geste, damit kann man mich tagelang begeistern.
      Helfen kann mir im Moment leider niemand. Und wie gesagt: Um jetzt einen Rückzieher zu machen, ist es einfach schon zu spät.
      Liebste Grüße und dir ein ebenso schönes Wochenende!

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  3. Ich mag es so sehr, wie du schreibst. Ich habe gerade hundert Gedanken dazu im Kopf, aber mein Gefühl sagt mir, dass jedes einzelne Wort von mir dazu nun absolut überflüssig wäre. Ich möchte dir aber sagen, dass ich es dir von Herzen wünschen würde, wenn es einmal ein anderes Ende nehmen würde, wenn du es nicht schon davor ausmalen könntest, wenn du die Farben wechseln und ein anderes Bild malen könntest.

    Auch, wenn ich zurzeit eher nicht so aktiv bin, zumindest nicht bei anderen, so sollst du wissen, dass ich dich immer noch fleißig in den Mails auf meinem Handy verfolge. Und jedes Mal, wenn es bei mir einen Schritt vorwärts geht und ich deine Worte lese, dann wünschte ich, ich könnte dich mit einen Schritt nach vorne nehmen.

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    • Vielen Dank, dass du trotz deines Stress immer noch mitliest und mich begleitest. Und dann auch noch so liebe Wünsche für mich hast. (:
      Danke! Ich drück dir die Daumen, dass du weiterhin so viele Schritte nach vorne machen kannst und es dir damit gut geht. (: Ein schönes Wochenende!

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