Wir. Wir alle.

Wir. Wir alle. Wir, die uns hinter den Wörtern „Bindungsangst“ und „Beziehungsunfähigkeit“ verstecken. Wir machen das so. Wir sind so. Ganz bewusst und trotzdem unbewusst. Hat man erst einmal einen Begriff gefunden, der einen aus dem Schlamassel der Gefühle herausholt, klebt man sich an ihn, wie eine Klette ins Katzenfell.

Durch den Dschungel der ganzen Definitionen steigt ja auch keiner mehr durch. Beziehung. Offene Beziehung. Affäre. Freundschaft Plus. Sexbeziehungen. Wo hört da was auf und wo fängt da was an? Sind Affären nie auf emotionaler Ebene? Freundschaft Plus hingegen schon? Niemand legt das doch wirklich fest. Kein Mensch geht zu jemanden anderen hin und sagt: Entschuldigung, das hier ist für mich keine Affäre, das ist eine Sexbeziehung.

Und wo entstehen denn heute eigentlich noch die wahren, die ungetrübten Beziehungen? Wozu soll man sich binden, wenn man all das auch einfach so, nur eben ohne Verpflichtungen haben kann? Denken sich leider viel zu viele und verstecken sich hinter dem Wort „Bindungsangst“.

Das Singleleben ist in der heutigen Zeit mehr als anstrengend. Zumindest für die, die wirklich danach suchen mit jemanden alt zu werden. Es gibt keine Sicherheiten mehr. Selbst die Ehen gehen nach 2 Jahren kaputt. Dann wird sich einfach jemand neues gesucht. Für die, die den ganzen Tag mit ihrem Partner Tee trinkend auf dem Sofa sitzen wollen, ist das Leben nicht einfach. Man gehört nicht mehr so schnell zu einer Person, nur weil man nachts mit demjenigen das Bett teilt. Denn morgens im Morgengrauen verlässt man die Wohnung ja wieder. Ohne einen Blick zurück.

Mal Tage lang nichts voneinander hören, sich nie offen zueinander bekennen, sich nie außerhalb der Wohnung miteinander zeigen, nachts alleine in Ruhe schlafen und schon gar keine anderweitigen Dinge miteinander tun, außer eben abends zusammen ins Bett zu gehen-das sind die Vorzüge einer Affäre. Tschüss, kann man dann sagen, wenn man einfach die Nase voll von der Person hat. Und keinen stört‘s, weil man gehörte ja eh nie zusammen.

Doch was machen die, die mehr wollen? Die, die gerne mal von ihrem Lieblingsmann mit selbst gepflückten Blumen an der Tür begrüßt werden würden. Die, die nachts zwar gerne nebeneinander schlafen, ohne sich zu berühren, sich dann aber darüber freuen, wenn da eine Hand ist, die nach ihrer greift. Die, die grundlos schlechte Laune haben dürfen und wo der Partner es trotzdem nicht so ernst nimmt. Die, die morgens auch gerne einfach mal zum Frühstück bleiben möchten, um gemeinsam in den Tag zu starten. Genau die eben. Die stürzen sich in Affären, reden sich ein es wären Beziehungen und tun am Ende so, als hätten sie mit Gefühlen nichts am Hut. Vielleicht gibt es von genau denen mehr als wir denken und wir sind einfach zu blöd darüber zu sprechen. Wir, wir sind so, wir machen das so.

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4 Kommentare

  1. Drüber reden hilft tatsächlich. Wahrscheinlich ist es das Einzige, was hilft.

    An mir ist mit Sicherheit die hoffnungsloseste Romantikerin verloren gegangen, die diese Welt je gesehen hat. Ich verliebe mich schnell – in Tänzer von Dancing With The Stars, in Romanfiguren, in das Lächeln des Jungen, der mir verraten hat, dass auch die 16 bis zum Hauptbahnhof fährt und hin und wieder auch in ganze Menschen – und wenn ich es tue, mit einer solchen Endgültigkeit, dass allen anderen davon schwindelig wird.
    Ich höre, dass sich jede dritte Ehe scheiden lässt, aber mein Herz dreht sich um und fällt dem nächsten, wahlweise, in die Hände oder vor die Füße. Ich gucke meine Eltern böse an, wenn sie sich streiten, was sie zum Lachen bringt und Versöhnung mit der nötigen Aktivierungsenergie versieht, die es braucht, um zu sagen: „Kira, wir trennen uns nicht voneinander. Wir sind glücklich.“
    Viele Beziehungsgeschichten hab ich nicht zu erzählen, aber die, die ich zu erzählen weiß, fangen nie rational an. Ich bin niemand, der es langsam angehen lässt. Das behaupte ich zwar gerne mal von mir, aber umgesetzt habe ich es nie.
    Als ich mich von meinem ersten Freund getrennt habe, kam ein paar Wochen später ein Klassenkamerad zu mir, der mich so wenig leiden konnte wie ich ihn, und hat mir gesagt, er mache sich Sorgen um ihn. Er sei in der Gefahr, sich wirklich etwas anzutun. Weil Leben ohne mich keinen Sinn macht. Wir waren 13.
    Mein zweiter Freund widmete mir das Lied „Das Beste“ von Silbermond. Hochdramatisch, ein Wahnsinn der Gefühle. Nach zwei Wochen war die Luft raus. Für mich zumindest. Und dann, fünf Monate Stillschweigen, nur um danach eine Freundschaft mit ihm zu teilen, die ich bis dahin nicht vergleichweise erlebt hatte. Wie ich sie bis heute vermisse. Die ich noch immer hoch schätze, leider (und das führte zu ihrem Ende) höher als die Person, die da einst mein Freund war.
    Mein dritter Freund verließ mich, weil er mir nicht geben konnte, was ich verdient habe. Weil er mich nicht retten konnte. Weil er mich betrogen und damit nicht leben konnte. Was war die Zukunft groß gewesen – und kurz. Eine Hochfeier des Potenzials, das niemals die Chance bekam, an der Realität zu scheitern, weil man sich rechtzeitig dagegen entschied. Ich war fünfzehn.
    Und die Geschichte gehen so weiter. Große Pläne. Hochzeit. Kinder. Das Farbe der Wände in der Küche. Die Einzige. Berührungen von Herz und Seele. Sehnsucht. Wahnsinn. Nähe. Die Beziehung als das eine große Lebenselexier. Als die Grundvoraussetzung für Großartigkeit. Das Versprechen ewiger Liebe.

    Zwischenmenschliche Beziehungen (jeglicher Art) sind schwierig, weil sie immer von Kommunikation leben und wir stetig mehr verlernen, wie man das eigentlich tut – das kommunizieren. Uns wird der Kopf so voll gehauen mit Regeln und Normen und den Top Tens der Dinge, die man nicht tun darf, wenn man will, dass der Junge dich mag.
    Jeder sagt uns, sei wie du bist, und glaubt, das wäre ein guter Ratschlag. Wäre es vielleicht auch, aber nicht in einem Gestrüpp, einem Labyrinth voller To-Dos und No-Gos. Über Gefühle reden … ? Nachfragen, ob es dem anderen genauso geht? Wohin man zusammen gehen will und wohin nicht? Das widerspricht doch dem coolen Image, das man sich morgens mit der Unterwäsche überzieht und das dich unlängst dazu befähigt, Gedanken zu lesen, mit Herzen zu spielen und von all dem Unberührt zu bleiben.

    Ohne aufrichtige Kommunikation gehen zwei Dinge – zu viel oder zu wenig.
    Zu viel ist mein Tanzbereich (und erstaunlicher Weise verirren sich doch meistens auch andere des Beziehungstyps Zu-Viel in eben diesen), während Zu Wenig dein improvisiertes Zuhause geworden zu sein scheint. Das Extreme bekommen wir hin, da haben wir die Definition (wie schwammig sie auch immer sein mag!), da können wir uns irgendwie einen Platz ergattern und so tun, als wäre er wirklich unserer.

    Inzwischen bezweifle ich, dass wir so jemals die goldene Mitte erreichen. Vielleicht kann man gegensteuern von einem Zu Viel oder einem Zu Wenig, aber doch sicher nur, wenn wir irgendwann einmal lernen, zu kommunizieren, wenn wir irgendwann mal einen Rahmen schaffen, indem wir uns trauen, wir selbst zu sein. Und ehrlich. Mutig.

    Menschen sind so vielschichtig, dass es niemals funktionieren kann, uns auf die Stereotypen zu beschränken, die die Gesellschaft uns anbietet. Menschen sind kompliziert. Menschen sind tiefe Abgründe, an denen die Dunkelheit manchmal so dicht ist, dass wir sie wie Eiskälte auf den Armen spüren, und in denen man die größten Schätze dieser Welt entdecken kann.
    Wir müssen aufhören, uns vorzumachen, wir könnten jemanden durchschauen. Müssen anfangen, nachzufragen, miteinander zu sprechen, Farbe zu bekennen – und endlich mal zu kommunizieren.

    So, das war jetzt mehr ein eigener Blogeintrag als ein Kommentar, aber hey – ich lebe mein Zu Viel wenigstens in allen Lebensbereichen.

    Ich wünsche dir trotzdem mehr Klarheit in Zukunft und dass du dich keinem Wir zu ordnen lässt, dem du nicht angehören willst. Du bist viel zu großartig, um dich mit Verallgemeinerungen kleinreden zu lassen.
    Hab eine schöne Woche.

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    • Mir geht es da ähnlich wie dir. Ich habe auch immer gedacht, dass ich mich super schnell in Menschen und auch Dinge verliebe. Leider hielt mein Verliebtheitszustand nie an. Es war eher eine Frage der Zeit, bis ich mich wieder entliebte. Und jetzt seit kurzem weiß ich eigentlich erst, wie das ist, richtig verliebt zu sein. Daher kann ich mir vorstellen, mit wie viel Herz du jedes Mal geliebt hast und wie schwierig die Situationen dann waren, wenn sich all das wieder in Luft aufgelöst hatte.

      Diese ganzen Regeln und Normen, all das müsste angepasst werden. Die hauen doch heute gar nicht mehr so hin, wie damals. Heute ist alles anders. Man kann ja nicht einmal die eigene Person sein, sein wie man ist, weil sonst alles drunter und drüber geht. Kommunikation ist da absolut wichtig, leider fällt mir das auch immer schwerer. Das finde ich total schade, merke das aber auch selber. Ich trau mich nicht mehr dies und das zu sagen, weil ich Angst habe, jemand anderen damit in die Enge zu treiben. Diese Freiheit ist das große Wort. Frei sein, das wollen alle. Aber kann man nicht auch in Beziehungen frei sein?
      Wie schade es ist, dass die menschen so kalt und verschlossen geworden sind. Wieso redet man denn nicht mehr über Gefühle? Aus Angst sich verletzlich zu machen, weil man schon zu viele Misserfolge erlebt hat.
      Ein Freund von mir hat mal gesagt: Sobald du eine Person wirklich magst und sie dir wichtig ist, verhälst du dich automatisch falsch. Und das ist wirklich so. Man verstellt sich zu sehr, versucht sich in die Form des anderen zu quetschen, obwohl da gar kein Platz mehr ist.

      Mit diesem eingebildete Platz im Extremen, bin ich aber nicht zufrieden. Und ich stelle jetzt mal die waghalsige Vermutung auf, dass du das auch nicht bist. (Zumindest solange, wie du kein gegenstück zu dir gefunden hast.) Gegensteuern ist ein Anfang. Vielleicht warten wir ja aber doch nur auf jemanden, der uns ergänzt. Der vielleicht genau so extrem ist wie wir, bei dem wir aber einfach in die Form passen, ohne uns hineinquetschen zu müssen.

      Vermutungen und Interpretation machen vieles kaputt. Nachfragen und kommunizieren sollte wieder Standard werden. Wie wir bis hierher gekommen sind, das wir alle kaum noch über emotionales sprechen, das frage ich mich wirklich.

      Vielen, lieben Dank! Als ich deinen kleinen eigenen Eintrag gestern kurz im Bett gelesen habe, wusste ich, dass da jemand ist, dem es genau so geht wie mir. Sich verstanden fühlen ist ein tolles Gefühl und du kannst das, das Verstehen anderer. Kommunizieren sowieso, denn du malst ja wie immer mit Worten. Ich drücke dir die Daumen und wünsch dir viel Glück, dass du deinen Gegenpart schnell findest. Der, der dein Extrem ausgleicht. Und das ohne sich dann der Situation irgendwann zu entziehen. Liebste Grüße und eine schöne Restwoche!

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  2. Liebe Ines, du wirfst Fragen auf, über die ich noch nie nachgedacht habe. Und ich muss sagen, du hast recht.

    Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, bin ich Beziehungen eingegangen, wo ich von vornerein wusste, das wird nix. Ich habe immer weitergemacht, mein Leben gelebt, die Vorzüge einer Beziehung genossen, doch wenn es dann ansatzweise ernst wurde, habe ich resigniert. Wie ein Hund, der weiß, dass er etwas angestellt hat, habe ich den Schwanz eingezogen und gewinselt. Da kamen dann Phrasen wie „Es liegt nicht an dir, es liegt an mir …“ oder „Wir haben uns auseinandergelebt …“. Bindungsangst? Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Aber ich bin nicht der Meinung, dass ich Bindungsangst habe. Ich habe einfach gewartet … auf den Richtigen. Doch das Fatale ist, wenn man in einer Beziehung steckt, kommt nicht plötzlich Mr. Right um die Ecke und wedelt mit den Armen. Aber wahrscheinlich ist das als Single auch nicht so einfach. Ich weiß gar nicht, ob ich jemals so richtig Single war, denn ich habe mich immer von der einen in die andere Beziehung gehangelt.

    Das Problem ist doch; heutzutage hat niemand mehr Lust sich anzustrengen und sich in verwirrende Beziehungen zu verstricken, wo am Ende sowieso niemand unbeschadet herauskommt. So ist es doch, oder? Beziehung sind, meiner Meinung nach, einfach nicht so locker und flockig wie das immer propagiert wird. Beziehungen bedeuten Arbeit. Punkt. So ist es einfach. Man unterscheidet sich und manchmal hat man unterschiedliche Auffassungen von bestimmten Dinge. Das kann ein Problem sein, muss aber nicht. Und an dieser Stelle kommt wieder deine Sicht der Dinge in den Vordergrund – Kommunikation. Man muss miteinander reden, eine Lösung finden und dann muss es vielleicht kein Problem werden.

    Das große Wort LIEBE! Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wie man das definiert. Liebe ist relativ. Ist Liebe nur eine bessere Freundschaft? Ist der Unterschied nur sexuelle Anziehung? Ab wann ist Liebe nur Verliebtheit und ab wann wird Liebe echt? Darauf habe ich echt keine Antworten.

    Das Leben und das Miteinander im Leben ist schon recht kompliziert. Manchmal viel zu anstrengend für so einen kleinen Menschen.
    Liebe Grüße, Juli

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    • Ganz genau so geht es wohl auch vielen anderen: Auf den Richtigen warten. Der, wo man sich nicht mehr in Ausreden flüchten muss, sondern wo es einfach passt.
      Beziehungen sind sehr anstrengend, sind sehr arbeitsaufwendig. Alleine schon, weil die gefühle und Emotionen dabei mitwirken. Man kann den anderen so sehr verletzen, so viel falsch machen, man will selbst nicht verletzlich sein. Aber um eine Beziehung führen zu können MUSS man das alles in Kauf nehmen. Anders geht es ja leider nicht. Und das ist das schwierige daran.
      Liebe zu definieren fällt mir auch sehr schwer. Da gibt es ja auch wieder so viele Abstufungen und Unterschiede. Wie soll denn da noch jemand durchsteigen?
      Aber ich finde es sehr beruhigend, dass es dir auch so geht und ich mit meiner Unsicherheit nicht ganz alleine da stehe.
      Liebste Grüße!

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