Flucht nach hinten

Die Tage ziehen sich zurzeit so hin wie Kaugummi. Der Zeiger meiner Uhr in der Arbeit sind stehengeblieben. Ich höre sie ticken, aber irgendwie passiert nichts. Warum ich im Moment so wenig mit mir anzufangen weiß, kann ich mir kaum erklären. Die Arbeit ist anstrengend, mühselig, dennoch macht sie Spaß. Eigentlich müsste die Zeit da umso schneller ticken. Aber Pustekuchen.

Das Ende meines Jahresvertrages naht. Ich will nicht von dieser Station runter. Mittlerweile habe ich mich so gut eingelebt. Ich komme mit den Ärzten gut zurecht, ich werde von der Pflege akzeptiert. In meinem Büro wird dann in ein paar Wochen jemand anderes sitzen. Irgendwer fremdes und die Patienten werden mich vergessen. Vielleicht vergessen sie mich alle dort. Irgendwann in ein paar Jahren, wenn sie zurückdenken, dann heißt es: Ach, wisst ihr noch damals, die Ines…
Dabei will ich nicht vergessen werden. Ich will weiterhin den Kliniktratsch hören. Die Empörung darüber, wer was mit wem hat oder was im Nachtdienst so passiert ist. Denn eigentlich sind wir ja schon eine große Familie. Und ich fühle mich dazugehörig. (Im Oktober dann ein bisschen wie ein verstoßendes Kind.)

Dann sind da noch meine 9 Tage Urlaub, die ich im September nehmen muss. Neun Tage Urlaub für das nächste halbe Jahr-denn dann werde ich in der Probezeit sein und keinen mehr nehmen können. Vorerst. Umso mehr werde ich unter Druck gesetzt. Von mir selbst. Ich will diesen aufgesparten Urlaub nicht zuhause verbringen. Dann gewinne ich keinen Abstand. Hier ist ein Scherbenhaufen, den ich möglichst hinter mir lassen will und wenn es nur für 9 Tage ist. Raus. Weglaufen, wie es sich immer so gut bewährt hat.

Aber dann ist da keiner, der mich begleitet. Weil die meisten ihren Urlaub bereits genommen haben. Weiß ich ja zu gut, bin ja oft als Vertretung eingesprungen. Andere haben kein Geld. Der Rest einfach keine Lust oder ist selbst im Urlaub. Eine Reise auf der ich mich ablenken will, auf der ich ausbrechen und wieder Luft holen möchte – die kann ich nicht alleine starten. Das wäre eine Flucht nach hinten. Ich wüsste nicht einmal wohin. Ich weiß nur, dass ich nicht hierbleiben kann.

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7 Kommentare

  1. Wenn sie in ein paar Jahren zurückdenken und sich erinnern können, an die Ines, die da war, dann haben sie dich nicht vergessen.
    Gut, ich weiß – das ist ein schwacher Trost und ein bisschen verstehe ich dein Problem. Diesen Monat läuft mein FSJ aus. Ich verlasse meine Station. Und nahtlos kommt die nächste FSJlerin. Am Anfang hab ich noch viel von der „alten FSJlerin“ gehört – wie sie die Dinge gemacht hat, aber inzwischen ist sehr ruhig um sie geworden.
    Schade – aber wohl unausweichlich, wenn man ständig in Betrieb ist und wir FSJler nur Streiflichter sind, die kurz unter die Arme greifen. Die ein bisschen Abhilfe schaffen.

    Damit sie mich nicht völlig vergessen, schreibe ich am Ende jedem von ihnen einen kleinen Brief – etwas, das sie lesen können, wenn ihnen der Stress zu viel wird oder ein Patient sie aufreibt oder sie überhaupt einmal ein paar nette Worte lesen müssen. Die verpacke ich schön in einem Buch, sodass es etwas gibt, das an mich erinnert – selbst, wenn ich nicht mehr da bin. Denn sie werden mir fehlen.

    Wenn du Urlaub hast und niemanden hast, der mitkommen kann, dann musst du eben Leute besuchen!
    Dann wartet wenigstens jemand am Ziel auf dich!
    Ich hoffe, du findest Möglichkeiten, um deinen Urlaub so zu gestalten, dass er dir am allermeisten gibt. Ich wünsche es dir.

    Liebe Grüße und einen tollen Rest der Woche,
    Kira

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    • Ach, das ist ja eine bezaubernde Idee, mit den Briefen! (: So werden sie dich bestimmt nicht vergessen-obwohl ich davon ausgehe, dass sie das eh nicht tun werden.
      Ich bin ja auch nur für ein Jahr dort gewesen, kann sie ganz sicher immer mal wieder besuchen gehen, aber dennoch ist das ja nicht das gleiche. Schade ist es auf jeden Fall. Dass die Zeit so schnell vergeht.

      Hab ein schönes Wochenende! Allerliebste Grüße

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  2. Ich weiß, dass du Verwandschaft in Sachsen-Anhalt hast. Du könntest sie doch mal besuchen. Im September ist nämlich dort immer ein großes Volksfest (so ähnlich wie das Oktoberfest). Ich habe mir auch ein paar Tage frei genommen um dort hinzugehen und mal wieder ein paar Tage in meiner Heimat zu verbringen. Mama wird sich freuen. 🙂
    Also könntest du zum Wiesenmarkt gehen, mit dem Fahrrad um den Süßen See fahren, einen Tagesausflug in den Harz machen und in Leipzig eine Shopping Tour machen. Ich bin mir sicher, deine Verwandten würden dich gerne begleiten.
    Das würde mir z. mind. in den Sinn kommen, wenn du keine Begleitung mehr finden solltest.

    Liebe Grüße, Juli

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    • Ich habe schon überlegt, wen ich alles besuchen fahren könnte. Aber auch die anderen sind meist zu der Zeit unterwegs auf Weltreise oder so im Umbruch, dass gar nicht klar ist, wo sie im September dann sein werden. (:
      Aber eine gute Idee ist das alle Male, danke!
      Liebe Grüße!

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  3. Ich würde gerne mit dir in den Urlaub fahren, hätte sogar noch Urlaubstage und Überstunden übrig, aber so leicht ist es dann leider doch nicht /:
    Dein Wehmut kann ich verstehen. Ich dachte auch immer „Ich will nicht!“. Dann musste ich auch noch meine Nachfolgerin anlernen. Es hat sich schon arg so angefühlt, als würde ich einfach ausgetauscht werden. Dass ich es heute in keinem Schritt bereue, wie es gelaufen ist, das weißt du ja sehr gut. Und dir wird es bestimmt auch so ergehen. Man denkt zurück, denkt an die ehemaligen Kollegen, aber dennoch ist man eigentlich schon zufrieden da, wo man ist. Und ich kann mir schwer vorstellen, dass man dich vergessen kann. Weißt du, was sehr verrückt ist? Letztens hat mein ehemaliger Chef dezent nachgefragt, ob ich nicht wieder zurück kommen möchte. Man rechnet gar nicht damit und meint, dass man vollkommen in Vergessenheit geraten ist. Die leben da schließlich ihr Leben weiter, der Arbeitsalltag geht voran, aber dennoch glaube ich, kann man einen Menschen, den man mag, nie wirklich vergessen.

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    • Ich weiß das sehr zu schätzen, dass du mit mir fahren würdest. (:
      Und ich hoffe sehr, dass du Recht haben wirst und es mir im neuen Job auch gefallen wird… So ganz überzeugt bin ich davon noch nicht, aber was soll’s. Ich habe ein bisschen Angst davor.

      Wie schön, dass sie dir bestätigt haben, dass sie dich nicht vergessen haben und dass du herzlich willkommen bei ihnen bist. (: Das ist doch sehr wertschätzend und aufbauend! Das dich dort alle mochten, du nicht vergessen wirst und deine Arbeit super erledigt hast, habe ich allerdings eh nie angezweifelt. (:

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      • Das man Angst hat, das ist denke ich ein bisschen „normal“. Anfangs hatte ich solche Selbstzweizweifel. Angst dem allen nicht gerecht zu werden. Angst keinen Anschluss zu finden. Angst vor allem. Dann dachte ich mir immer, wenn es das nicht ist, dann bewerbe ich mich anderweitig. Und siehe da, ich mag vorerst nie mehr weg. Man kann es aber auch so sehen, dass wir noch jung sind und solche Veränderungen große Chancen für uns sein können. Und wer weiß ob das so prickelnd ist, wenn man nie was anderes gesehen hat. Das Neue zeigt uns neue Wege, neue Möglichkeiten, wir wachsen daran, erweitern unseren Horizont, zeigt uns neue Sichtweisen. Ja, es muss nicht zwingend negativ werden.

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