Exotenbegegnungen

Wie oft habe ich mich mit einer meiner Freundinnen darüber unterhalten, dass Männer heutzutage kaum noch den ersten Schritt wagen? Das sie gefühlt immer feigerer werden und man eigentlich nirgendwo mehr angesprochen wird? Wir haben sie schlecht geredet, sie als Feiglinge abgestempelt und die Hoffnung aufgegeben, dass irgendwo da draußen noch ein Kerl rumläuft, der auch nüchtern mal den Mund aufkriegt. Denn bisher wurden wir nur zurückangesprochen. Oder eben in dunklen Bars, zur später Stunde, wenn die Männer der Nacht sich genug Mut angetrunken hatten. Wir haben sie also gedanklich an den Marterpfahl geschnürt und die Friedenspfeife begraben.

Vier Jahre lang bin ich gependelt. Vier Jahre lange war ich auf einer vielbefahrenen Zugverbindung mit Millionen Menschen unterwegs gewesen. Mich haben Leute angesprochen, Smalltalk gehalten. Meist waren sie 50 Jahre alt und weiblich. Gerade auf dem Weg zur Arbeit und total tiefenentspannt oder enorm hektisch, weil sie nicht wussten, wohin der Zug eigentlich genau fuhr und wo sie umsteigen mussten. Heute war das anders. Heute war alles anders.

Die Müdigkeit hing mir noch (oder schon wieder) in den Gliedern. Der Zug war so voll, dass ich mich, nachdem ich mich durch 3 Wagons gequetscht hatte, frustriert auf den Boden setzte, ohne zu bemerken, dass ich dabei beobachtet wurde. Als ich dann irgendwann die Augen wieder öffnete, strahlte mich ein Typ in der Scheibe an. Einfach so. Impulsartig lächelte ich zurück. Bin ja kein unfreundlicher Mensch. Mit der Kettenreaktion hatte ich allerdings nicht gerechnet: Er drehte sich um, lächelte, stand auf, kam rüber und setzte sich neben mich. Ein kurzes „Hallo“ und dann Schweigen. Er saß einfach da. Mit Croissant in der Hand. Ich bin super im Schweigenaushalten, doch in dieser Situation ging das überhaupt nicht. Was für eine Frechheit sich einfach neben mich zu setzen und zu essen.

Taktisch hat der Typ das ziemlich schlau gemacht. Er überließ mir damit die Wahl, ob ich mit ihm reden wollte oder nicht. Er war sowieso ein ziemlich schlauer Kerl. Ich denke auf Zugfahrten sammelt er Handynummern wie andere Menschen Bahnbonuspunkte. Nie habe ich eine so gute Technik gesehen: Intensiver, aufmerksamer Blick, verschmitztes Lächeln. Ab und an mal beiläufig was aus der Lebensgeschichte eingestreut, darauf hingewiesen, dass man mal viel Geld verdienen wird und wo man schon überall herumgekommen ist. Interesse geweckt und nur das von sich erzählt, was auch auf mich zutreffen könnte. Für mich war klar, das ist eine Person, die mindestens zweigleisig fährt und das so raffiniert anstellt, dass keiner der beiden es mitbekommt. (Tschuldigung für die Schubladeneinordnung.)

So schnell kann es gehen, dass eine Person, die man sonst eigentlich gar nicht beachtet hätte, einen ratzfatz mit einer coolen Aktion um den Finger wickelt. Es gibt sie also doch noch, die seltenen Exoten.

Advertisements

7 Gedanken zu “Exotenbegegnungen

  1. Schon cool irgendwie. Ist mir (leider?) auch noch nie passiert. Außer vielleicht wirklich zweideutigem Grinsen in der Pariser U-Bahn^^. Da wird man eh wesentlich mehr angesprochen als hier in London oder irgendwo in Deutschland…

    Gefällt mir

    • In London und San Francisco ist mir das tatsächlich auch schon mal passiert. Smalltalk ja sowieso, gerade in anderen Ländern ist das ja viel weiter verbreitet. Da kommt man sich als Deutsche ganz schön wortkarg vor. Unfreundlich ja so oder so, gerade wenn man mit den höflichen Briten spricht. (:

      Ich find es zumindest schade, dass sowas nicht öfter passiert-ob Smalltalk oder direktes ansprechen-ich unterhalte mich aber einfach zu gerne mit mir noch fremden Menschen. (: Auch wenn am Ende gar nichts bei rum kommt oder man sich vielleicht nie wiedersieht, trotzdem super spannend.

      Gefällt 1 Person

  2. Hmm, bist Du nun ein „bisschen“ um den Finger dieses Mutigen gewickelt geblieben oder hast Du Dich doch lieber wieder abgeräufelt? 😉

    Ach, Du! Ich war auch nie einer der Mutigen, habe immer auf einE Mutige gewartet… Wahrscheinlich sitzen mehr Leute, die sich nicht trauen, aber erwartungsvoll hoffen in so einem Zugwaggon als wir glauben. Wäre interessant, wenn es dafür mal irgendein Messgerät gäbe.

    Liebste Grüße und immer scön aufmerksam bleiben, damit Du nicht mal einen vielleicht immerhin „ein bisschen Mutigen“ übersiehst. 😉

    Gefällt mir

    • Ein bisschen vielleicht ja. Aber es ist mir doch etwas zu riskant. 😀
      So viele warten auf diese Mutige. Aber wenn beide seiten doch immer nur warten und warten, dann kommt’s ja zu nichts. Eigentlich hatte ich mit dem Mutigsein ja keinerlei Probleme, aber mittlerweile sehe ich das schon gar nicht mehr ein. 😮
      Liebste Grüße an dich zurück! Aufmerksam bleibe ich selbstverstänlich weiterhin. 🙂

      Gefällt mir

  3. Die Deutschen sind wohl wirklich ziemlich unfreundlich und wortkarg. Fällt einem aber wohl eher erst auf, wenn man in anderen Ländern unterwegs war. Aber dafür ist es umso schöner, wenn man sich mit Fremden doch nett unterhalten kann oder wenn jemand ein spontanes Lächeln erwiedert. Meistens wird man dafür ja doch nur doof angeguckt ^^ Behalte dir den Moment gut im Hinterkopf und vielleicht ergibt sich so eine Gelegenheit doch nochmals schneller, als du denkst (:

    Ich habe nun mal überlegt, wie P. und ich uns kennengelernt haben, also wie das genau war. Wir waren betrunken und ich habe ihn angesprochen und auf ihn eingeredet – haha 😀

    Gefällt mir

    • Meistens sind die Leute ja auch wirklich irritiert, wenn man sie anlächelt. Als wäre das etwas total schreckliches. Das finde ich super schade. Ich habe mir vorgenommen mehr Menschen anzulächeln, auch wenn sie dann wahrscheinlich denken, dass sie sich mit dem Ketchup beim Mittagessen aufs Hemd gekleckert haben. 😛

      Hach ja, so habe ich auch schon öfter Leute kennengelernt. Meist sind daraus richtig gute Freundschaften geworden. 😀 Warum man sich das allerdings oft nur betrunken traut ist mir ein Rätsel. Schade eigentlich.

      Zu den Westfalen: Die Ostwestfalen unterscheiden sich auf jeden Fall noch mal vom Rest. Die Ruhrpottler sind für mich immer noch am offensten und freundlichsten. Der Raum Fulda kommt mir in Hessen immer seeeehr schlimm vor. 😀

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s