Sekundenbeurteilung

Sechs Uhr morgens. In der Woche – Jeden Tag um diese Uhrzeit aus dem Bett quälen. Nicht einmal hell ist es draußen. Mit müdem Körper, mit schläfrigen Gedanken, fahre ich zum Bahnhof. In der letzten Zeit weiß ich wieder einmal partout nichts mit mir anzufangen. Ich lungre umher, lese ein paar Seiten, lege das Buch wieder zur Seite. Ich bin unruhig, brauche ständig was zu tun. Daher war ich von der täglichen Reise nach Fulda gar nicht mal so abgeneigt. Ich hatte was zu tun. Das ganze war Pflicht, ich war an Züge gebunden und musste meine Zeit absitzen. Kurzgefasst: Ich konnte nicht davonlaufen.

Wenn man so früh am Morgen am Bahnhof steht, bemerkt man schnell, dass man nicht die einzige müde Person ist. Die Menschen stehen immer im gleichen Abstand zueinander. Sie starren alle, in Gedanken versunken, in die gleiche Richtung. Der Zug fährt ein, alle drängen los. Es riecht nach Bremsen, Brötchen und Kaffee.

Mir ist es ein Rätsel, wieso wir Deutschen kaum bis gar keinen Smalltalk führen. Und mir ist es ein noch größeres Rätsel wieso uns das dann in Zügen so leicht über die Lippen kommt. Wieso kommt man schneller in ein Gespräch, wenn man nebeneinander sitzt? Wieso aber schweigen alle, wenn man einen Fahrstuhl betritt?
Diese Gespräche mit wildfremden Menschen taten mir gut. Dieser kurze Einblick in ein fremdes Leben. Der Rest bleibt Spekulation. Vielleicht wird man sich nie wieder sehen.

Oktoberfestfaher mischten sich mit Berufspendlern. Die einen munter angeheitert, die anderen genervt. Man ist nie froh darüber, wenn andere frei haben und man selbst auf dem Weg zur Arbeit ist.
Die Stimmungen der anderen sind ansteckend. Neben mir ließ sich ein junger Mann nieder. Er roch nach Regen und Kaffee. Am liebsten hätte ich ihn in den Arm genommen und ihm ein bisschen Zuversicht geschenkt.

So viele Lebensgeschichten, so viele Menschen mit eigenen Sorgen und Freuden ziehen jeden Tag an uns vorbei. Und wir wissen nichts über diese Personen. Wir sind zu beschäfigt mit unserem eigenem Leben. Nehmen andere vielleicht nicht einmal wahr, blenden Ereignisse aus, lasten uns keine weiteren Probleme auf die Schultern. Und trotzdem stecken wir innerhalb eines Sekundenblickes die anderen in Schubladen. Ich möchte nicht wissen, in wie vielen verschiedenen ich schon stecke.

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6 Kommentare

  1. So lange Du nur ideell in zahlreichen SCHUBLADEN
    eingeordnet bist … Na, ja … Was soll’s

    Missbrauch ist wohl nicht zu befürchten.

    Eine gute Woche für Dich
    mit vielen sekundenlangen Glücksmomenten

    P a c h T

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  2. Ich glaube, im Fahrstuhl reicht einfach die Zeit für nicht mehr als einen freundlichen Gruß. – Und sonst: Hmmm, ich traue mich oft nicht, „einfach so“ jemanden anzusprechen.

    Es stimmt schon, auch, wenn mir Menschen nur flüchtig begegnen, bildet sich in mir schon eine Meinung über sie. Aber deshalb Schublade? Nee, da bin ich mir schon bewusst, dass so eine Momentaufnahme nicht ausreicht, um jemanden wirklich „einzuordnen“. Im Übrigen habe ich es spät, aber immerhin, ein bisschen besser gelernt, Menschen möglichst überhaupt nicht in „Schubladen“ zu stecken, sondern jeweilig als Unikat zu betrachten.

    Es kann dann zwar durchaus Unikate geben, die sich mehr oder weiniger ähneln oder auch nicht, aber sie bleiben Unikate.

    So wie Du! 😉

    Ganz viele schöne Grüße!

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    • Das stimmt, im Fahrstuhl wird das etwas schwierig.
      Aber so finde ich, unterscheiden sich die Menschen doch ganz schön. Die einen können super leicht mit anderen in Kontakt treten und anderen, so wie mir auch, fällt das teilweise wirklich schwer.

      Schön, dass dir das bewusst ist. Ich glaube viele beginnen da übereilt zu spekulieren und einzuordnen. Leider.

      Unikate sind wir doch alle. Mit mehr oder weniger kleinen Ähnlichkeiten und doch alle ganz verschieden. (:

      Lieben Dank und viele herzliche Grüße!

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  3. Leider muss ich zugeben, dass ich auch einer derjenigen bin, der sich abschottet, wenn er in der Bahn oder so ist. Dabei meide ich auch den Kontakt zu anderen Menschen.
    Wenn ich genauer darüber nachdenke, ist es natürlich nicht besonders schön. Man sollte viel offener sein.
    Es liegt wohl daran, dass viele Menschen so viel machen wollen und alles, was dazwischen kommt oder nicht nach Plan läuft, stört…

    Thodde

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    • Mir geht es da ein bisschen wie dir. Oft schotte ich mich auch ab und beobachte einfach lieber. Aber eine gewisse Offenheit ist glaube ich gar nicht verkehrt. Manchmal habe ich das gefühl gehabt, dass die Leute schon von alleine auf einen zukommen, wenn man nur freundlich lächelt.
      Aber Menschen die vertieft sind, die würde ich auch nicht stören. (:

      Liebe Grüße
      Ines

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