Geschichten von Fräulein Feigheit

Es ist ein kalter, dunkler Abend. Die Vorweihnachtszeit hat begonnen. Der erste Dezember ist da. Fräulein Feigheit steht am Bahnhof und wartet auf den Zug. Der Wind pustet ihr um die Nase und die Kälte kriecht ihr in den Kragen. Die wartenden Menschen stehen in berechneten Abständen zueinander. Neuankömmlinge suchen sich Lücken zwischen den anderen. Hinter Fräulein Feigheit bewegt sich jemand. Sie kann es im linken Augenwinkel sehen. Aus dem Reflex heraus, dreht sie sich um und sieht in das Gesicht eines jungen Mannes. Die Kapuze über die graue Mütze gezogen, das Gesicht im Schatten des künstlichen Lichts. Seine Augen strahlen, ein Lächeln umspielt seinen Mund. Fräulein Feigheit senkt den Blick. Sie kennt das schon. Diese wilden jungen Männer, die den jungen Frauen ein Lächeln schenken. Während sie um die nächste Ecke biegen, haben sie das schon wieder vergessen. Das geschieht nicht aus Freundlichkeit heraus.
Vorsichtig hebt sie erneut den Blick, schaut stur an ihm vorbei und bemerkt, dass er noch immer lächelt. Da gibt es gar nichts zu grinsen, kleiner Herzensbrecher.

Der Zug ist zu sehen. Die Leute tummeln sich plötzlich in Gruppen. Der Herzensbrecher läuft den Bahnsteig entlang. Fast fand Fräulein Feigheit das schade, dass er nun doch den Weg in die andere Richtung wählte. Zu der nächstgelegenden Tür. Auch sie strebt auf eine der Türen zu. Leute steigen aus, die neuen Passagiere warten. Hinter hier reiht sich jemand ein. Sie sieht es in der Scheibe. Spürt diese fremde Person im Rücken, die Nähe die er ausstrahlt. Er hat es sich anders überlegt. Gemerkt, dass Fräulein Feigheit in die falsche Richtung läuft und dann ist er ihr gefolgt. Vielleicht, um sie nicht aus den Augen zu verlieren.

Fräulein Feigheit steigt ein, der kleine Herzensbrecher hinter ihr. Sie geht nach rechts, er geht nach links. Als sie in dem überfüllten Zug einen Platz ergattert und sich auf die unbequemen Sitze fallen lässt, entdeckt sie ihn wieder. Ein halbes Abteil liegt zwischen ihnen und trotzdem starren sie sich an. Als wären sie verwundert genau diese Person hier anzutreffen. Dabei sind sie sich so fremd, wie zwei Fremde es sich nun einmal sind. Fräulein Feigheit macht ihren Namen alle Ehre und wendet sich ab.
Alles scheint plötzlich wichtiger zu sein: Die Dunkelheit draußen, die Schaffnerin, die Gespräche der anderen. Nur nicht hochschauen, nicht in diese eine Richtung. Wie magnetisch zieht es ihr Blick doch immer wieder zurück. Zurück zum kleinen Gesicht, welches am Ende des Gangs noch immer freundlich lächelt.

Das schwarze Nichts zieht am Fenster vorbei und plötzlich tauchen Lichter auf. Endstation. Angekommen. Aussteigen. Fräulein Feigheit sucht ihre Taschen zusammen und macht sich auf den Weg zur Tür. Der kleine Herzensbrecher ist zwischen den anderen Menschen, die sich schweigend nach draußen drängeln, stecken geblieben. Nun noch den Bahnsteig entlang und die lange Treppe in den Schlund des Bahnhofes hinein. Sie hebt den Blick ein letztes Mal auf der Suche. Zaghaft streicht sie mit den Augen über die Gesichter, aber das eine, das sie sucht, kann sie nicht entdecken. Sie drängelt sich zwischen die anderen. Auf halben Weg nach unten, holt sie jemand ein. Läuft erst schnell und verlangsamt seine Schritte, als er neben ihr ankommt. Passt sich an. Blickt sie an. Und Fräulein Feigheit lächelt in ihren Schal.
Die letzten Stufen und sie wird immer langsamer. Wartet, dass er sie überholt, doch das tut er nicht. Die Abzweigung rückt immer näher. Ihre Wege kreuzen sich. Ein letzter Blick in die Augen des jungen Mannes.
Fräulein Feigheit findet ihre Sprache erst wieder, als es lange zu spät ist.

Advertisements

4 Kommentare

  1. Wieder fühle ich mich in meine eigene Studentenzeit zurück versetzt.

    Ich konnte damals nicht oft nach Hause fahren, weil die Entfernung recht groß war, und für ein kurzes Wochenende Aufwand und Kosten oft gar nicht zu realsieren waren. – Aber wenn ich fuhr, waren die Fahrten lang …

    Ich war auch kein „Draufgänger“ (hat sich bis heute nicht geändert)und traute mich auch nie, jemanden anzusprechen. An einmal kann ich mich besonders erinnern. Da war ein Mädchen, was mir auf den ersten Blick gefiel. Der Zug war sehr voll, und ich traute mich schließlich, ihr meinen Platz anzubieten. Sie bedankte sich lächelnd, doch kaum hatte sie sich gesetzt, fielen ihr die Augen zu und sie schlief ein. –

    Ich weiß nicht, ob ich mich, wenn das nicht geschehen wäre, weiter „vor gewagt“ hätte, aber so stiegen wir dann nur noch aus und gingen unserer Wege. – Ich habe sie nie wieder gesehen…

    Ich nenne das Fräulein Feigheit nicht Fräulein Feigheit, denn feige im eigentlichen Sinne ist es nicht – ich wünsche ihm aber mindestens noch eine Chance …

    Liebe Grüße an Dich!

    Gefällt mir

    • Ein Draufgänger muss man nun wahrlich nicht sein. Bevorzugt wird da doch eher der Gentleman (von den seltenen die es noch gibt). Da du der jungen Dame einen Platz angeboten hast, kann man dich wohl dazu zählen. 🙂

      Danke sehr, mal schauen, ob diese zweite Chance doch irgendwann auftritt.

      Liebe Grüße

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s