Wie Studenten lernen – nämlich gar nicht

Mein Unwort des Jahres ist wohl „lernen“. Wenn es das nicht ist, dann wird es wohl „Bachelorarbeit“ sein. Schon seit Wochen tüddel ich am Schreibtisch rum. Mama würde jetzt sagen: Sitz nicht so viel vor dem Laptop, du bekommst sonst viereckige Augen!
Vor allem aber ist plötzlich alles wichtiger, als sich vor dieses Teil zu setzen und die Aufgabe zu erarbeiten.
Zum Beispiel Geschirrspülen. Das Zimmer neu streichen. Kochen, obwohl man gerade gegessen hat. Aus dem Übungszettel einen Origami- Schwan basteln.
Jeder Student, jede Studentin wird jetzt eifrig mit den Kopf nicken und sich denken: Jawohl! Ich mache dann immer_________________ (beliebige Tätigkeit einsetzen, die sonst NIEMALS so celebriert wird, wie in der Lernphase).
Einen neuen Kaffee kochen zählt auf jeden Fall zu den Top Ten (es gibt da heimliche Ranglisten, ich bin mir ganz sicher) – der verschwindet in letzter Zeit auch so schnell, dass ich da gar nicht mehr hinterher komme. Ist es hier drinnen so heiß, dass das braune Getränk schon verdampft ist oder habe ich tatsächlich soeben die 38. in zwei Stunden getrunken?

Im Zug lässt es sich meines Erachtens sehr gut lernen. Eigentlich gar nicht, aber ich finde es kommt immer gut, wenn man mit einem Buch in der Öffentlichkeit sitzt, einen Titel wie „Schizophrenie. Die Krankheit verstehen“ oder „SGB I-XII“ hoch hält, damit es auch jeder lesen kann und wild darin herumblättert, bzw. die Seiten vollkritzelt. Ich male dann gerne kleine Zwerge oder Elfen -ja, ganze Kunstwerke!- an den Rand: Alle anderen Reisenden denken ich markiere fleißig die Zeilen. Der nächste Leser dieses Buch wird sich bestimmt ebenfalls darüber freuen.
Doch wenn ich dann nur eine Sekunde aufschaue, bin ich sofort abgelenkt. Was trägt denn der alte Herr dahinten für eine Hose? Und was isst denn die Frau dadrüben? Was studiert der Typ denn wohl?

Auch Zuhause kann ich sowas sehr gut. Dann sitze ich am Schreibtisch, baue Kartenhäusern aus den Bücherstapeln vor mir. Wer redet da noch von Häusern, das sind ganze Paläste sag‘ ich euch! Grundsätzlich markiere ich mit bunten Farben auch immer nur das, was sowieso schon fett gedruckt ist. Oder schlimmstenfalls die ganze Seite.
Es ist ein Teufelskreis aus Selbstbetrug und Genialität. Ich hätte zumindest nie gedacht, dass ich so kreativ bin und mir so viele Dinge, jedes Semester aufs neue einfallen lassen kann, nur um mich vom Lernen abzuhalten. Und wenn mich dann jemand fragt, wie weit ich bin, dann antworte ich selbstverständlich: Hab‘ schon ganz schön viel geschafft… (dass das eher mit Wäsche waschen zu tun hat, erwähne ich nicht.

Und abends gucke ich auf den Stapel Blätter der gar nicht weniger geworden ist. Die Zeit aber schon, wie mir der nächste Blick auf die Uhr bestätigt. Bevor ich ins Bett gehe kann ich ja nochmal die Seite mit der Elfe die das Sternchen im Haar trägt aufschlagen. Apropos, ich glaube ich bastle lieber schonmal Weihnachtskarten… Das ist ja auch nicht mehr allzu lange hin.

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8 Kommentare

  1. Ich habe (wieder einmal) sehr schmunzeln müssen. Und ich habe meine Frau dann teilhaben lassen, habe ihr Deinen Eintrag vorgelesen. Denn nicht nur ich war selbst mal Student, sie war es auch. – Und bei der Lektüre Deines Textes hatten wir beide diverse „Wiedererkennungeffekte“!

    Immerhin, Deine Kreativität ist erheblich! – Wenn ich an meine Studi-Zeit zurückdenke, fällt mir vor allem immer nur eine Kerze ein, die mein Kumpel auf eine Flasche gesteckt hatte.

    Das Wachs, was heruntertropfte, verteilte sich auf dem Flaschenbauch. Nach und nach setzten wir immer neue, verschiedenfarbige Kerzen auf. Und öffneten das Fenster, damit der Wind das Tropfen des Wachses beschleunigte. Wir drehten dann die Flasche, so dass sich das Wachs gleichmäßig rund um den Flaschenbauch verteilte. Im Laufe der Zeit entstand ein wahrhaft monströses, verschiedenfarbiges Wachskunstwerk, ein Kerzenständerunikat, welches nach und nach im halben Internat Berühmtheit erlangte. Es war letztlich so schwer, dass man es nur noch mit Mühe an einen anderen Ort platzieren konnte.

    Und es steckte schließlich viel Zeit darin, „Lern“zeit, während der geöffnete Hefter vor uns lagen, deren Inhalte in unsere Köpfe sollten …

    Hmmm, ich weiß jetzt nicht so recht, ob Dir diese „Idee“ gefallen soll oder doch lieber nicht … 🙄 😉

    Ganz viele, liebe Kornblumengrüße, Fräulein Studiosi!

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    • Da sieht man einmal, was für tolle Kunstwerke bei soetwas entstehen können. 😀
      Baileys Flaschen eignen sich dazu meines Erachtens sehr hervorragend. Für die meisten Studenten ist dann wohl zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Erst die Flasche leeren und dann noch einen Nutzen daraus ziehen. 😉

      Liebe Grüße auch an dich.

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  2. Ich fang meist erstmal nach dem Motto „Unisachen sortieren und einen Plan machen ist auch lernen“ an..und dann gibts auch schon die erste Pause, weil das ja schon ganz schön anstrengend war! 😀

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  3. Ich kann mich hier drin sehr gut wieder erkennen 😀
    Bei mir geht es meistens so los: ich setze mich an den Schreibtisch um zu lernen, nur um festzustellen, dass der ja furchtbar aussieht (Glastisch sag ich da nur…), den könnte man mal wieder wischen.
    Nachdem das getan ist, räume ich den Schreibtisch dann auf. Da bewahr ich nämlich immer mein ganzes Unizeug auf und das müsste mal sortiert werden (da rede ich mir dann noch ein, ich tue etwas für die Uni…).
    Tja, und wenn man dann einmal aufgeräumt und sauber gemacht hat, merkt man erst, dass der Rest der Wohnung ja jetzt furchtbar aussieht. Also geht es damit weiter.
    Nicht selten werden dann ganze Schränke ausgeräumt und gewischt. Dann habe ich am Ende des Tages zwar eine blitzblanke Wohnung, aber dafür kein Wort getippt. Naja, morgen ist ja auch noch ein Tag (an dem ich dann etwas neues zu tun finde :)) )

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    • Es ist doch wirklich faszinierend, wie wir uns alle gleichen und was für eine Kreativität da entfaltet wird. 😀
      Dieses ständige Putzen (was man ja sonst eher hasst), kenne ich aber auch gut. Sobald die Wohnung im neuen Glanz erstrahlt, können die anderen erkennen, wie sehr man sich gerade in einer Lernphase befindet. 😛

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