Und zum Ende hin noch etwas Vorzeigbares… (Tag 6, Londonreise)

Kings Cross; Platform 9 3/4

Underground Station: Kings Cross St. Pancras

Gummistiefel an? Ja, oder nein? Ich hatte die Dinger doch nicht UMSONST mitgeschleppt. Nach England, der Hochburg des Regens (nur geschlagen durch Irland, wie ich hörte). Außerdem regnet es ja auch. Was also sollte ich sonst anziehen? Mit Winterjacke und Gummistiefeln verlasse ich das Hotel. Und ich bin froh, dass ich diese Entscheidung getroffen habe.

Irgendwie ist es immer merkwürdig am letzten Reisetag durch die Stadt zu fahren. Jede U-Bahnfahrt wird vollstens in einen aufgenommen. Ich werde das vermissen. Das schöne Umhergeschunkel am frühen Morgen. Die beschäftigten Menschen. Rechts stehen und links gehen.
Doch erst einmal machen wir einen Ausflug in die Welt der Magie.

Kings Cross. Ein riesiger Bahnhof, wie mir immer wieder scheint. Die Decke weiß, gestaltet mit neumodischen Strukturen. Es sieht aus, als würde dieses weiße Konstrukt versuchen die alten Häuserwände dahinter zu verschlingen. Wie ein großer Eimer Farbe, bei dem mitten im Ausschütten die Zeit stehen geblieben ist.
Natürlich sind wir nicht hier, um die Architektur dieses Gebäudes zu begutachten, sondern eher um uns bei der Schlange zum Gleis 9 ¾ anzustellen. Wie auch bisher haben wir Glück mit der Uhrzeit. Letztes Mal war das Ende der Schlange kaum zu sehen, und diesmal geht alles ganz schnell. L reiht sich ein, ich mache ein Foto von ihr, quatsche mit den Fotografen und dem anderem Kauz und schon sind wir auch wieder weg. Natürlich nicht einfach disapperiert, sondern nur in den Harry Potter Shop gestürmt. Ach, wenn man doch nur Geld hätte. Gern würde ich mir eine der schönen Ketten kaufen. Hermines Zeitendreher, oder doch das Symbol der Heiligtümer des Todes. Leider reicht mein Muggelgeld gerade einmal für 2 Packungen Bertie Bott?s Beans Every Flavour (ob die wirklich nach Ohrenschmalz und Dreck schmecken? Nachtrag: Ja, sie schmecken WIRKLICH danach!) und einen Schokoladenfrosch mit Zauberersammelkarte. Trotzdem fühle ich mich schon fast dazugehörig, zur Zauberwelt. Schließlich hat Ron auch nie Geld, um sich all die tollen Dinge zu kaufen – versteht sich, dass wir da ja immerhin etwas gemeinsam haben.

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Im Harry Potter Shop. Fast wie bei Olivander

Unser Aufenthalt im Kings Cross ist gar nicht lang. Gestern hatten wir noch verbissen überlegt, was wir an unserem letzten Tag so machen könnten und dann war es mir spontan eingefallen: Die Museen!
Genau dorthin waren wir nun auf dem Weg. Verfehlen konnte man diese trotz schlechten Wetter nicht. Denn alle Menschen hatten die gleiche Idee. Ein Regentag ist perfekt fürs Museum.

Natural History Museum

Underground Station: South Kensington

Das Natural History Museum erwartet uns. Durch strömenden Regen (ja mittlerweile waren meine Gummistiefel wirklich nützlich!) rannten wir fast zum Eingang. Hier hatten sich schon einige Menschen aufgestellt und warteten. Zum Glück dauerte es nicht lange und schwups waren wir im Trockenen. Das gute an den Museen in London: Viele, vor allem die Dauerausstellungen, sind kostenlos.
Gleich im Eingangsbereich schaute ich mit offenem Mund, staunend Richtung Decke. Dieser riesige Saal hatte eine wunderschöne Architektur. Der Blickfang, der mich eigentlich beschäftigt, ist jedoch das Dinoskelett in der Mitte. Wenn hier nicht ?Nachts im Museum? gedreht wurde, dann muss ich sagen: HIER wäre der perfekte Ort dafür!

Wir schlenderten durch die einzelnen Zonen. Die rote, die Grüne, die Blaue. Jede hat andere Schätze zum Vorzeigen. Die Dinosaurierausstellung ist leider gerade für einen Sommerputz geschlossen. Schade, drum. Deswegen sehen wir die Riesen auch nur vereinzelt in Glaskästen herum stehen.
Wenn ich ein Museum wählen müsste, welches für Schulklassen anschaulich gestaltet ist: Liebe Leute, hier ist es. Das Natural History Museum.
All die Geschichten zu den ausgestellten Sachen und all die informativen Selbstversuche, die man ausprobieren kann. Einfach klasse. Ich arbeite mich bei der ?der Mensch?- Ausstellung durch verschiedene Reaktions- und Optische Täuschung Tests. Manche Dinge funktionieren einfach nicht, ich hoffe, dass es nicht an mir liegt und ich somit trotzdem noch ein vernünftiger Mensch bin.

In den weiteren Teilen streichen meine Augen gierig an ausgestellten Vögeln und Wassertieren entlang. Schildkröten, Eisbären, der Fuchs, bunte Vögel, kleine Vögel, riesige Vögel. Mir war nicht einmal bewusst, das es so viele verschiedene Vogelarten gibt. Welche so winzig kleinen Eiern, die gerade mal so groß sind, wie mein kleinster Fingernagel. Wie groß muss das Küken darin nur sein?
In einer der Ausstellungshallen stehen und hängen die wirklich großen Tiere. Ein Wal baumelt (ob der mit dem Gewicht noch baumelt?) von der Decke. Daneben die verschiedenen Walskelette. Am Boden stehen die Giraffe, verschiedenen Elefanten, Nashörner, Nilpferde, einfach alles, was man auch in einem Zoo erwarten würde. Nur finde ich dies hier viel besser. 1. Weil die Tiere nicht echt sind und 2. Weil man viel näher heran gehen kann, um zu sehen, dass die Seekuh z.B. einen Bart hat. Anfassen kann man diesen jedoch nicht. Viele der Tiere sind hinter Glas und somit vor neugierig tastenden Finger geschützt.

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Hinter Glas: Schneewittchenpferd

Mit den Skeletten haben sie es hier auf jeden Fall. Ganz besonders faszinierend finde ich das Froschskelett und das Schlangenskelett. Wann bitte sieht man so etwas schon mal?
Auch die Darstellung des Frosches, der seine Babys auf dem Rücken transportiert, zieht mich in den Bann. Die einzelnen Fische, vor allem die Anglerfische und die Tintenfische, sind mir sehr suspekt. Denen möchte ich nicht im Meer begegnen. Die sehen schon ziemlich knauserig aus. Vielleicht war ihr Frühstück nicht so gut.
In der Abteilung der Meeresobjekte finde ich auch wirklich außergewöhnliche Muscheln. Diese kleinen Dinger aus dem Meer vor den Philippinen sehen aus, als hätte sie ein Künstler mit Farbe verziert. Aber falsch gedacht – hier hat die pure Natur gezeichnet.

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Knauseriger Anglerfisch

Echte Ameisen und Bienen bekommen wir auch noch zu sehen. Fraglich bleibt für mich, von was sich die kleinen Bienen, die ihr Nest unter der Decke des Museums gebaut haben, ernähren. Blumen oder ähnliches gibt es hier drin ja nicht wirklich. Und wenn, dann sind sie nicht echt. Vielleicht veräppeln uns die Leute hier auch und das Nest ist aus Plastik und die Bienen mit Batterien betrieben. Denen traue ich hier alles zu, so echt wie beispielsweise das galoppierende Pferd hinter der Scheibe aussieht.
Die Insektenausstellung bietet einen tollen Überblick über Schmetterlinge, Heuschrecken, Spinnen und wirklich alles andere, was so krabbelt und rumfleucht.
Eine riesige Skorpion -Nachstellung, die ihre Scheren auf und zuschnappen lässt und sogar den Stachelschwanz bewegt, verschreckt alle Kinder. Die Eltern müssen mit ihnen einen großen Bogen um dieses unecht
e Ungeheuer machen. Viele beginnen sogar zu weinen. Wirklich echte Kindstränen.

Leider erleben wir heute keine künstlichen Erdbeben. Wir haben auch ein Pech! Keine Dinos, kein Erdbeben. Vielleicht hängt das auch in irgendeiner Weise zusammen. Vorstellen kann ich es mir ja.
Dafür fahren wir mit der Rolltreppe noch in die Weltkugel hinein und schauen uns an, wie das Sonnensystem funktioniert. Ebenso, wie die Welt entstanden ist und wie sie sich entwickelt hat. Ist ja so schon ganz schön komplex und recht schwierig zu verstehen, aber auf Englisch raff ich da schon fast gar nichts mehr. Man gut, dass wir nun im Shop angekommen sind und diesen schnell durchstreifen. An den beiden Menschenskeletten, die wohl schon etwas länger an ihrem Mittagstisch sitzen, geht es für uns nun wieder nach draußen. Ein weiteres Museum wartet auf uns. Auf ins Abenteuer!

National Gallery

Underground Station: Charing Cross

Wer mal etwas ganz Verrücktes machen will, etwas, wobei einen alle Menschen anstarren und man sich nicht so sicher ist, ob sie nun aus Anerkennung oder Empörung zu einem herüberschielen, der sollte unbedingt, wirklich unbedingt mit Gummistiefeln in die National Gallery gehen. Das kommt wirklich gut. Schon am Eingang gucken mich die Leute komisch an. All die Kunstkritiker und Künstler, die sich hier ihre Inspirationen holen. Sagt man nicht so, dass Künstler eh ein Rad ab haben und nur mit seltsamen Dingen und ausgefallener Kleidung herumlaufen? Vielleicht halten die mich ja auch für wen berühmtes und gucken deswegen so. Außerdem: Hallo, ich bin auch hier um zu kritisieren!

Und das tu ich auch. Es gibt eine Sonderaustellung, für die wir uns anstellen. Schon bald dürfen wir durch die großen Türen treten und alles auf uns wirken lassen. Ich bin ja ein großer Kunstfan und ich liebe es Bilder zu begutachten, selbst zu interpretieren was damit gemeint ist und so weiter und so weiter. Immerhin war ich mal auf einer Kunstschule. Aber Leute ehrlich: Hier kann ich einfach nicht anders, als zu lachen.
Da steht also ein Mädchen, klitschnass, mit Gummistiefeln, sich das lachen verkneifend, vor einer dieser Skulpturen. Alle anderen nehmen wenig Kenntnis von mir. Außer der Typ in der Jogginghose, dem das Ganze wohl auch nicht so geheuer ist. Ich würde ihm ja zuzwinkern, wenn mein Gesicht nicht eh schon verzerrt genug gewesen wäre. Wenn das mal kein Scherz ist hier, dann möchte ich bitte nächste Woche auch meine Sonderausstellung hier ausstellen lassen. Is that cool?

Die gemütlichen Sofa sind gar nicht so gemütlich. Und die Bilder sind außergewöhnlich. Klar, da gibt es die Sonnenblumen und Seerosen von wirklich berühmten Künstlern und ich finde, diese muss man auch gesehen haben. Aber der Rest erschließt sich mir nicht so ganz. Bin ich zum Kulturbanausen verkommen? Oder liegt es an der Atmosphäre hier? Die Menschen, die mit ernsten Mienen an den Bildern vorbei schreiten. Mit den Händen auf den Rücken oder an ihren Brillen. Diese Stille hier. Nur das Quietschen von meinen Gummistiefeln. Außerdem sollte hier mal jemanden einen Lageplan verteilen. Jeder Raum mündet in den nächsten. Ich brauche einen Rundgang, sonst seh ich die Hälfte der Kunstwerke hier doch gar nicht. Es kommt mir wie ein Labyrinth vor. L und ich irren weiter und weiter.

Irgendwann stolpern wir am Trafalgar Square wieder hinaus. Wahrscheinlich haben wir nur die Hälfte der Gemälde gesehen. Genauso wie die Hälfte der Menschen nur vorm Regen flüchten wollten und deswegen in der Galerie waren. Aber das soll uns ja egal sein. Wir wollen nun weiterziehen. Der Bohnergeruch klebt noch immer in meiner Nase und ich atme erst einmal tief die frische Regenluft ein. Ja, es hat tatsächlich etwas nachgelassen. Nicht nur von den Eindrücken her, sondern auch vom Regen.

Als wir dann in die U-Bahn zurück wollen, gibt unsere Oyster Card den Geist auf. Am Morgen hatten wir noch 7,80 Pounds drauf und ganz plötzlich sollten wir zu wenig haben. Es dauert ewig, bis wir begriffen haben, dass wir die Karte neu aufladen müssen. Und mindestens noch mal so lange, bis wir endlich den Kioskbesitzer von unserem Anliegen in Kenntnis setzen können. Zum Glück lässt uns die kleinen Schranken dann in den Untergrund.
Der Wind, den die Züge vor sich herschieben, dieser warme Wind, zersauste uns die Haare. Ach, wie werden wir das U-Bahn fahren vermissen!

Liebe
x In die Zauberwelt eintauchen.
x Die Geschichte und Natur entdecken.
x Total verrückt mit Gummistiefeln in die National Gallery

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2 Gedanken zu “Und zum Ende hin noch etwas Vorzeigbares… (Tag 6, Londonreise)

  1. Wieder schön geschrieben. Vor allem auf das Natural History Museum hast Du mir richtig Appetit gemacht.

    Mit Kunstaustellungen, Bildergalerien ist es oft auch für mich nicht einfach. Allerdings habe ich von Kunst, von Gemälden auch nicht wirklich Ahnung. Ich lasse mich einfach jeweils ganz von den unmittelbaren Eindrücken, die sie mir bieten, den Empfindungen, die sie in mir auslösen, leiten.

    Und ich akzeptiere, das, was MIR wirklich gefällt, halt relativ ist. Ein Kunstwerk will/soll mit uns sprechen – ich glaube, das ist das Anliegen jedes Künstlers. Ob bzw. wie ich mich dann angesprochen fühle, und wie ich antworte, damit muss er dann halt irgendwie leben …

    Ein Mädchen mit Gummistiefeln in einer Galerie: Hey, wenns draußen so furchtbar regnet – ich finde es nur in schönster Weies originell. Immerhin hattest DU keine nassen Füße!

    Als Du schriebst: „Jede U-Bahn-Fahrt wird vollstens aufgenommen“ – da habe ich wieder gewusst, dass Du so empfindest wie ich, wenn es ans Abreisen geht. – Ich würde mir auch jedesmal, wenn wir aus Kosice (in der Slowakei) abreisen müssen, eine der schon ziemlich betagten und an sich gar nicht mehr sehr schönen, rumpelnden Tatrabahnen in Originalgröße mit nach Hause nehmen wollen. Und nicht nur die Tatrabahnen …

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    • Ein Besuch in diesem Museum lohnt sich wirklich. 🙂

      Ja, mit Kunst ist das schon eine Sache. Ich schau es mir auch gern an und wundre mich dann, warum solch ein Bild so viel wert ist. Richtig Ahnung habe ich davon auch nicht, nur das, was mal so hängen geblieben ist. Aber diese Ausstellung.. Also da fehlten mir wirklich die Worte. 😀

      Hach ja, da stimme ich zu. Was würde man nicht liebend gern alle mit nach Hause schleppen und ein bisschen vom Fernweh zu stillen. Etwas von anderen Orte an denen man sich wohlfühlt mit nach Hause zu nehmen, das wäre mal eine tolle Sache. 🙂

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