Mein Name ist Fähig. Unfähig.

Beziehungsfähigkeit. Oder treffender: Beziehungsunfähigkeit. Zuerst dachte ich es wäre spannend herauszufinden, ob das auf Scheidungskinder zutrifft. Mittlerweile glaube ich, dass es meine komplette Generation betrifft.
Ich habe unauffällig Infos gesammelt und versucht sie professionell zu verarbeiten, aber das war mir zu aufwendig und so habe ich nur wahllose Wortfetzen und Vermutungen.
(Einfachheitshalber habe ich die Ich-Form im Folgenden verwendet)

Ich kenne diese Angst selbst zu gut. Keine Beziehungen aufrechterhalten zu können. Sie immer selbst zu verbocken. Sich selbst im Weg zu stehen. Ob das am Alter liegt, oder wirklich an uns persönlich: Keine Ahnung.
Immer den einfachsten Weg zu nehmen. Warum sich Probleme schaffen, warum auf den anderen eingehen, wenn man die ganze Zeit alleine klar kam? Ist es möglich sich bedingungslos und unvoreingenommen auf jemanden einzulassen- Geht das überhaupt? Ist nicht immer jemand vorher im Leben des anderen gewesen, im eigenen Leben, mit dem man denjenigen „neuen“ dann vergleicht? Eine Rekonstruktion der alten Beziehungen. Wiederholungstäter. Ein Abklatsch von Vergangenem. Wiederaufbau gefallener Regionen.

Es entsteht ein riesiger Berg aus Ängsten. Was ist wenn ich selber verlassen werde? All das ist doch niemals für immer. Was heißt schon für immer? Es klingt schön. Schokoladennot klingt auch schön, ist es aber nicht. Was ist, wenn ich meine Zeit für den Falschen opfere und der Richtige an mir vorbeiläuft, ohne dass ich es bemerke? Zwei Zeitlinien kreuzen sich, doch nichts geschieht. Zwei Leben bleiben zwei Leben.

Man soll sich ähnlich sein und doch verschieden. Wie viel Gleichheit und wie viel Abweichung sind denn für eine gute Beziehung vorgesehen?
Und niemand wird mich jemals als vollkommen ansehen. Niemand wird mich so lieben, wie ich früher geliebt habe. Ich werde niemals „alles“ für jemanden sein.
All die Ängste. Und dann kommt eine Beziehung, die nicht in mein Lebenskonzept passt. Ich will feiern gehen, ohne eingeschränkt zu tanzen. Ich will ins Ausland, ohne zu zögern. Ohne zu denken, dass zu Hause jemand auf mich wartet, den ich enttäuschen könnte. Doch ist es nicht das, was man eigentlich haben sollte? Was man will? Jemand, der auf einen wartet?

„Ich will dich neben mir sehen.
Und ich will allein und frei gehen.
Ich schwebe zwischen innen und außen.
Und mein Herz schlägt drinnen und draußen.
Dort wo ich herkomm‘, halt ich‘s nie lange aus.
Und wenn ich dann fort bin, denk ich immer an Zuhaus‘.“

Zwischen innen und außen/ Philipp Poisel

Vielleicht sind wir zu sehr in Bewegung. Können kein Fels in der Brandung sein, wenn wir selbst durchs Leben schwimmen. Uns hält nichts an Orten. Uns hält nichts Zuhaus. Unsere Angst uns zu binden und dann wieder fort zu müssen. Das kostbarste im Leben zu verschwenden: Die Zeit.

Den Richtigen gibt es nicht. Doch, wenn ich bestimmte Freunde so sehe, weiß ich, dass es ihn gibt. Nur manche sind ein Leben lang auf der Suche und haben das Pech einfach vorbeizulaufen. Die Liebe vor lauter Herzen nicht zu sehen. Doch wenn es sein soll, dann kommt er wieder. Und er bleibt.
Schlimmer hat es die getroffen, die den Richtigen schon kennen. Die perfekte Beziehung nachbauen wollen. Unmöglich. Man kann keine Edelsteinburg aus Sand nachbauen. Sie glänzt nicht und sie ist Einsturzgefährdet.

Wo ist die Gebrauchsanweisung für die Liebe und die Beziehung.
Die Frage bleibt: Ist es die Generation? Das Alter? Oder ist es die Schattenseite des eigenen Selbst?

 

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6 Kommentare

  1. Insgesamt ein ebenso ineressanter wie schwieriger Text. – Dazu gäbe es sehr viel zu sagen, was in der eigentlich gebotenen Ausführlichkeit hier nicht her passt. Und dann wären es nur so Gedanken von mir – ich habe keinesfalls das Papentrezept. Aber das gibt es ohnehin gerade mit Blick auf Beziehunngen nicht.

    Aber ein paar, sagen wir mal „Thesen“ stelle ich hier mal in den Raum:

    Ich denke nicht, dass eine Generation beziehungsunfähiger ist als die andere. Heutige Generationen sind zweifellos mehr durch Medienkommunikation beeinflusst, und wenn der Einzelne nicht aufpasst, womöglich auch beeinträchtigt. – Wer aber dem realen Leben zugewandt bleibt, die Augen offen behält, sich bekennt, auf der Suche zu sein und zu bleiben, der ist nicht mehr „verloren“ als die Menshcen, die vor 20, vor 40 oder vor 80 Jahren so jung waren, wie es heute junge Leute sind.

    *

    Dss „richtige“ Maß von Gleichheit und Abweichung in einer Beziehung? Das gibt es nicht. Und es ist normal, dass sich dieses „Maß“ im Verlauf einer Beziehung auch immer mal in die eine oder andere Richtung hin verändert. Weil beide Partner, die zu einer Beziehung gehören, sich im günstigsten Falle auch durch von der Beziehung unabhängige Faktoren beständig weiter entwickeln. Und das ist gut so.

    *

    Wichtig ist, nicht zu schnell die Geduld zu verlieren und keinem Idealbild oder gar „perfekten“ Menschen nachzujagen. Es ist nie falsch sich mehr Zeit zu lassen, sich besser und wirklich kennen zu lernen als zu wenig. Die „Schmetterlinge“ im Bauch fühlen sich zwar herrlich an, aber sie sind zu ungeduldig und viel zu „sprudelig“, um sogleich der richtige Wegweiser sein zu können. – Es ist mitunter geradezu ein Dilemma, dass sie am Beginn einer Beziehung, dann wenn man sich noch gar nicht wirklich kennt, immer am kräftigsten flattern. –

    Denn ihr Flattern wird, im Verlaufe JEDER Beziehung weniger. – Das ist aber gar nicht schlimm, wenn an die Stelle dieses Flattern anderes tritt: Empfindungen von tiefem Vertrauen und Verlässlichkeit, Geborgenheit, der Heimat in einem anderen Menschen.

    Um das zu finden, muss der andere Partner nicht „perfekt“ sein. Im Gegenteil. Perfektionismus macht eine Beziehung langweilig. Irgendwann gibt es dann nichts mehr. – Weil aber niemand perfekt ist, gibt es halt auch Reibereien, muss man sich auseinandersetzen. Ist aber ein großes Grundvertrauen, ein Heimatgefühl da, dann wird man versucht sein, diese Auseindersetzungen mit gegenseitigem Respekt zu führen. Und: man wird Geduld haben.

    Um es mal salopp zu sagen: Man wird diese Geduld haben und aufbringen wollen, weil man weiß, wen man da hat. Und, dass der-/diejenige einem doch serh viel Wert ist. – Was man aber (noch) bekommen würde, im Falle eines Bruchs, das weiß man nie.

    *

    Streben nach Perfektionismus ist nie gut, in einer Beziehung schon gar nicht. Ein solches Streben überfordert eine gute Beziehung. – Unser gegenwärtiges gesellschaftliches Leben, die Werbung – alles orientiert daruf, stets noch vollkommener, perfekter und so zufriedener zu werden. – Diese Orientierung ist die Orientierung hin zur größten und umfassendsten Lebenslüge überhaupt.

    *

    Eine Beziehung ist dann nicht gut, wenn sie von einer Seite vereinnahmend oder ausnutzend geführt wird. Dann hat sie tatsächlich keine Basis. Und natürlich dann nicht, wenn gegenseitige Achtung, Respekt verloren gehen oder gar Gewalt eine Rolle spielt.

    *

    Es gibt den Richtigen. Aber es gibt nicht nur einen Richtigen. Es gibt für jeden Menschen potenziell (und damit auch tatsächlich) mehrere Richtige, die sich durchaus voneinander unterscheiden können.

    Das ist so, weil JEDE Beziehung Kompromissbereitschaft erfordert. Und Kompromisse kann man bis zu einem bestimmten Punkt in jedwede Richtung und nicht nur einen einzigen Menschen betreffend eingehen. – Nur wer grundsätzlich gar nicht zu Kompromissen bereit ist, ist wirklich beziehungsunfähig.

    Ist aber genügend Kompromissbereitschaft, verbunden mit einer grundsoliden Vertrauensbasis (für deren Entwicklung man freilich ein gewisses Maß an Geduld aufbringen muss), vorhanden, wird auch ein einzelner Partner feiern gehen können, ohne eingeschränkt tanzen zu müssen.

    Ins Ausland gehen, ohne zu zögern, sicher weit schwerlicher (noch schwerlicher, wenn irgendwann Kinder aus der Beziehung hervorgegangen sind.) – aber könnte es nicht sein, dass der Drang, jetzt und sofort diesen oder jenen teil der welt sehen zu wollen auch ein wenig kleiner wird, weil der Drang, eigenes Familienglück aufbauen, erleben, spüren zu wollen, größer wird? – Und ganz muss das eine das andere ja wahrlich nicht ausschließen.

    *

    Weil es mehrere „Richtige“ gibt, muss man sich denn doch irgendwann entscheiden. Und das sollte man auch – vor dem Hintergrund des Wissens, dass es mit einem der anderen „Richtigen“ vielliecht „anders“ aber in der Gesamtheit denn doch nicht „besser“ wäre. – Das heißt freilich im Zweifel so viel Stärke aufbringen zu müssen, den „Schmetterlingen“, wenn sie sich denn im Verlaufe des Lebens immer mal wieder melden, nicht (gleich) nachzugeben, sondern sie flattern zu lassen, in dem Wissen, dass ihr Flattern so stark auch dieses mal nicht bleiben wird.

    *

    Natürlich kann es sein, dass eine Beziehung nicht ewig hält, dass man tatsächlich irgendwann einen „viel Richtigeren“ trifft. – Aber wer von diesem Gedanken beherrscht durch die Welt geht, der wird es tatsächlich schwer haben, überhaupt eine feste Beziehung finden und aufbauen zu können – weil er im schlussendlich von Beginn an misstrauisch wäre.

    *

    Einen der Richtigen finden und daneben auf der Suche bleiben, auf der Suche nach dem, was das eigene leben insgesamt, und sonst noch ausmachen sollte, auch auf der Suche nach anderen Menschen, solchen, die vielleicht nach und nach zu Freunden, zu wirklich guten Freunden werden können. – Wirklich gute Freunde sind mindestens ebenso wichtig wie die EINE Beziehung. Weil sie diese ergänzen. Und das ist legitim und gut so, weil eben auch die eine Beziehung nie „perfekt“ zu sein vermag.

    ***

    Nun gut. Soweit mein „Vortrag in Thesen“ – ich hoffe, meine „Vorlesung“, die, das betone ich nochmal, keinerlei Anspruch auf irgendwas erhebt, war nicht zu theoretisch und nicht zu schwer verdaulich.

    Um Deine abschließende Frage zu beantworten (darum will ich mich nicht herundrücken):

    Wenn es etwas ist, was (vorübergehend) beziehungsunfähig macht, ist es der Schatten des eigenen Selbst. Wobei dieser Schatten nicht nur durch einen selbst bedingt mal größer oder mal kleiner sein kann.

    Jeder hat übrigens so einen Schatten. Und Deiner ist im Ganzen keineswegs größer als meiner, liebe Ines.

    Das WEIß ich!!! 😉

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    • Erst einmal vielen Danke, für deinen langen Kommentar. 🙂

      Deine Thesen, die du aufgestellt hast, schaue ich teilweise ein bisschen zwiespältig entgegen. Aber großtenteils vertrete ich diese Meinungen ebenfalls.

      „Es ist mitunter geradezu ein Dilemma, dass sie am Beginn einer Beziehung, dann wenn man sich noch gar nicht wirklich kennt, immer am kräftigsten flattern. -Denn ihr Flattern wird, im Verlaufe JEDER Beziehung weniger. –
      Das ist aber gar nicht schlimm, wenn an die Stelle dieses Flattern anderes tritt: Empfindungen von tiefem Vertrauen und Verlässlichkeit, Geborgenheit, der Heimat in einem anderen Menschen.“
      Wunderbare Worte und an diesen halte ich fest, weil ich glaube, das genauso dies, wie du es hier beschrieben hast, irgendwann geschehen kann. 🙂

      „Ins Ausland gehen, ohne zu zögern, sicher weit schwerlicher (noch schwerlicher, wenn irgendwann Kinder aus der Beziehung hervorgegangen sind.) – aber könnte es nicht sein, dass der Drang, jetzt und sofort diesen oder jenen teil der welt sehen zu wollen auch ein wenig kleiner wird, weil der Drang, eigenes Familienglück aufbauen, erleben, spüren zu wollen, größer wird? – Und ganz muss das eine das andere ja wahrlich nicht ausschließen.“
      Dieses Bedenken hab ich selbst öfter, doch ich glaube wirklich, dass es im Moment noch am Alter liegt. Ich will noch so viel von der Welt sehen und ganz bestimmt will ich in ein paar Jahren dann auch zur Ruhe kommen und eigene Familie gründen. Doch bis dahin, stelle ich es mir schwierig vor, eine Beziehung und den Abentuererdrang unter einen Hut zu bekommen. 😉

      Viele oben genannten Dinge habe ich auch nur aus Gesprächen mit Freunden und Bekannten entnommen. Ich will gar nicht behaupten, dass es mir mit allen Sorgen so geht und ich diese auch bei mir so finde.
      Aber doch denke ich, dass unsere Generation sich ziemlich viele Gedanken über Beziehungen macht. Wir haben eine merkwürdige Einstellung gegenüber Beziehungen und Freiheit. Vor allem zu der Balance zwischen Nähe und Distanz. Und irgendwie sind wir auch egoistisch in dieser Hinsicht.
      Da kommt schon häufig die Frage auf, ob dies bei der nächsten Generation genauso sein wird…

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  2. hallo wortreich,
    ich meine, du hast das phänomen an dir und deiner generation treffend beschrieben.
    aber das ist – individual gesehen – meines erachtens kein „beinbruch“.
    mach‘ es nicht zu wissenschaftlich.
    es kann alles gut werden.. 😉
    ciao bella
    ralli beaumonde

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    • Danke für deinen Kommentar, Beaumonde!
      Wissenschaftlich bin ich nun schon etwas eingetauch, auch wegen des Studiums.
      Aber auf meine Generation und mich bezogen, werde ich versuchen, das ganze etwas lockerer zu sehen 🙂

      Liebe Grüße,
      Ines

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  3. Treffender hättest du es echt nich beschreuebn können. Ich bin Scheidungskind und durch ein Gespräch mit meiner besten freundin is mir klar geworden, dass einige eigenschaften an mir die verbunden mit liebe und beziehungen zutun haben doch nichd ran liegen, dass ich ein scheidungslind bin – war mir nie ganz klar.

    ich bin 9 jahre neben meinem richtigen vorbei gelaufen bis mich meine bereits genannte beste freundin drauf aufmerksam gemacht hat und ich bin ihr unendlich dankbar dafür.
    Jetzt bin ich dabei ihr nicht auf der suche sondern beim finden des richtigen zu helfen…

    danke für dir perfekten worte ines ❤

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    • Ich bin mir sicher, dass diese Ängste und Eigenschaften nicht nur Scheidungskinder betrifft. Es wiederholt sich bei jedem. Und man kann Menschen sowieso selten alle über einen Kamm scheren. 🙂

      „Neben meinem Richtigen vorbeigelaufen“ – Das klingt gut. 😀 Und es ist schon wahr. Bist du. Aber zum Glück machst du das ja jetzt nicht mehr.

      Ich danke herzlichst, für die Hilfe und Begleitung beim Finden des Richtigen. ❤

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